Der Wechsel von Cashgames zu Turnierpoker
Die WCOOP (World Championship of Online Poker) erobert in Kürze die PokerStars-Tische. Das regt viele regelmäßige Cashgame-Spieler – vielleicht auch dich – dazu an, sich in Turnieren zu versuchen und die Chance auf einen Gewinn zu nutzen, der dein ganzes Leben verändern könnte. Doch dabei ist Vorsicht geboten: Wenn du dein ausgeklügeltes Cashgame-Spiel eins zu eins an den Turniertischen übernimmst, ist das genauso schlimm wie ein schlichtweg schlechtes Turnierspiel. Im Folgenden gehen wir auf einige der essenziellen Anpassungen ein, die wir Cash-Spieler unbedingt vornehmen müssen, bevor wir uns in die WCOOP-Events in unserem Kalender stürzen.
1. Die Blattauswahl bei Turnieren ist eine Kunst und keine Wissenschaft
Cashgames spielen sich in einem ruhigen und unbegrenzten Rahmen ab, da die Blinds nur langsam und statisch deinen Chipstack dezimieren können. Daraus folgt, dass du gut beraten bist, standardmäßig eine bestimmte Eröffnungs-Range für jede einzelne Position zu haben. Die Phasen der Kartenflaute, in denen du eine Zeit lang kaum ein spielbares Blatt kriegst und immer wieder folden musst, werden durch die Hochphasen wettgemacht, die irgendwann auch wieder kommen und in denen du 15 von 20 Pots oder so eröffnest. Das Problem bei Turnieren ist, dass solche Kartenflauten deinen Chipstack dermaßen dezimieren, dass du zu wenig Chips übrig hast, um von der nächsten Hochphase zu profitieren (wenn sie überhaupt kommt). Turniere werden auf eine rasante Art und Weise in einem begrenzten Rahmen gespielt: Die steigenden Blinds nagen kontinuierlich an deinen Chips und somit deinem Überleben im Turnier. Wenn du darauf wartest, dass du endlich Startblätter aus deiner vorbestimmten Range kriegst, während dir immer wieder Blätter wie 8-4 offsuit gegeben werden, fliegst du langsam und schmerzvoll raus. Mit 8-4 offsuit vom CO (Cut-Off) zu eröffnen, wäre im begrenzten Rahmen von Cashgames langfristig wahrscheinlich eine schlechte Strategie. Es ergibt keinen Sinn, mit einem solchen Blatt zu eröffnen, denn entweder wird deine Eröffnungs-Range dann viel zu breit, was schließlich dazu führt, dass deine Versuche, die Blinds zu stehlen, keine Fold Equity mehr haben, oder du eröffnest einfach die falschen Blätter als Teil einer maßvolleren Strategie.
Schauen wir uns im Gegensatz dazu einmal die mittlere bis späte Phase eines WCOOP-Events an: Dank deines tighten Image an diesem Turniertisch hast du gute Chancen, die Blinds zu stehlen, aber du musst bald handeln, weil deine Chips ansonsten von den steigenden Blinds und Antes aufgefressen werden. Jetzt wäre es an der Zeit, mit dem besagten Blatt 8-4 offsuit zu eröffnen. Das wäre angesichts deines vorherigen tighten Spiels nicht nur profitabel, sondern ist auch essenziell für dein Überleben im Turnier. In der Not frisst der Teufel Fliegen. Cash-Spieler müssen in einem Turnier ihre Scheu überwinden, auch mit Schrott-Blättern zu versuchen, die Blinds zu stehlen. Ein gutes Turnierspiel besteht darin, opportunistisch vorzugehen und zu erkennen, wenn sich die ständig verändernde Spieldynamik dahingehend entwickelt hat, dass du handeln musst.

2. Vielleicht musst du Spielzüge mit positivem Erwartungswert (+EV) auslassen
Das mag für Cashgame-Spieler verrückt klingen, doch wir müssen hierbei zunächst mal zwischen Spielzügen unterscheiden, die einen positiven Chip-Erwartungswert (+Chip EV) haben und solchen, die einen positiven Dollar-Erwartungswert (+$EV) haben. Bei Cashgames gibt es nur eine Art von Erwartungswert, weil die Chips eins zu eins Dollar entsprechen. Bei Turnieren ist dieser Umrechnungskurs komplexer als einfach nur ein Chip gleich ein Dollar. Jeder gute Turnierspieler ist mit dem Konzept des Turnierlebens vertraut. Damit ist gemeint, dass du weiter am Turnier teilnehmen kannst – denn nur so kannst du am Ende viel Geld gewinnen. Da die Preisgelder bei einem Turnier exponentiell in die Höhe schnellen, während es auf den Finaltisch zugeht, ist es in hohem Maße +$EV, lange im Spiel zu bleiben. Gleichzeitig ist es in hohem Maße +$EV, viele Chips zu gewinnen. Doch wenn du vor einer Entscheidung stehst, bei der du einen Haufen Chips gewinnen kannst, dafür aber ein bedeutendes Risiko für dein Turnierleben in Kauf nehmen musst, solltest du die Situation neu einschätzen.
Lass uns ein Beispiel dazu anschauen: Wenn wir in einem Cashgame in der Hälfte aller Fälle $1.001 gewinnen und in der anderen Hälfte unseren $1.000 Einsatz verlieren, wäre dieser Spielzug +EV. Theoretisch gewinnen wir jedes Mal, wenn wir diesen Spielzug machen, durchschnittlich $0,50. Wenn wir hingegen in einer ähnlichen Situation in einem WCOOP-Event sind, das schon zur Hälfte gelaufen ist, und wir jetzt 1.000 Chips einsetzen müssen, um im Durchschnitt 1.001 Chips zurückzukriegen, wäre es eine schlechte Investition – denn diese 1.000 Chips machen einen bedeutenden Teil unseres Stacks aus. Dieser Spielzug wäre zwar +Chip EV, ist aber mit Sicherheit -$EV. Der Grund dafür ist folgender: Die Chips, die wir gewinnen können, sind weniger wert als der Betrag, der uns durch die höheren Chancen auszuscheiden, entgeht. Wir brauchen einen deutlich höheren Chip EV, damit unser hoher Einsatz, gemessen am $EV, profitabel ist. Wir müssen unser Turnierleben schützen. In einem Turnier sind nicht nur die Chips Geld wert, sondern auch der Zeitraum, für den wir mit Chips im Spiel bleiben.

3. Kleinere Einsätze sind effektiver
Bei Cashgames entspricht die Equity, die dein Gegner braucht, um deinen Einsatz auf dem River zu callen, seiner eigenen Investition dividiert durch die Summe aus dieser Investition und dem gesamten Pot inklusive deines Einsatzes. In einem Turnier ist seine erforderliche Equity oft höher als dieser prozentuale Wert, weil er sein Turnierleben riskiert bzw. sein $EV auf null runtergeht, wenn er verliert. Deshalb können wir in einem Turnier weniger Geld riskieren und trotzdem ähnlich viel Druck mit unseren Einsätzen ausüben.
Schauen wir uns ein Fallbeispiel im Vergleich an – zuerst für Cashgames: Du eröffnest auf dem Cut-off (CO), wirst vom Big Blind (BB) gecallt und setzt auf dem folgenden Flop eine Continuation Bet (C Bet): [J♥ 7♦ 4♣. Der Gegner callt und auf dem Turn kommt K♥. Du setzt wieder, diesmal einen höheren Betrag, und der Gegner callt wieder. Auf dem River kommt 3♥ und du setzt einen Einsatz in Höhe des Pots. Welche Equity braucht dein Gegenspieler für einen Call? Die Antwort ist 33%. Wenn er callt und in einem Drittel aller Fälle gewinnt, kommt er mit diesem Call auf plus/minus null. Dies könnte dem Gegner einen Anreiz geben, mit einigen Blättern als Bluff Catcher zu callen, insbesondere dann, wenn er ein Blatt wie Q♥J♠ hat, das einen Blocker enthält, der es weniger wahrscheinlich macht, dass du einen Flush hast.
Lass uns nun dieselbe Hand auf der Bubble eines WCOOP-Turniers anschauen: Der Druck steigt und das Ausscheiden aus dem Turnier würde zu diesem Zeitpunkt einem massiven Verlust an $EV gleichkommen. Wie hoch muss dein Einsatz jetzt sein, damit dein Gegner die erforderliche Equity von 33% für einen Call hat? Bedeutend niedriger! Wenn dein Gegner callt und mit seinem Blatt verliert, steckt er somit einen großen Schlag ein, der sein Risiko eines unmittelbar bevorstehenden Ausscheidens enorm erhöht. In dieser Situation würdest du mit einem Call von nur der Hälfte des Pots ähnlich viel Druck ausüben, während du dein eigenes Risiko in den Fällen, in denen du bluffst, verringerst. Kleinere Einsätze haben eine größere Wirkung, wenn das Turnierleben auf dem Spiel steht.
Fazit
Es gibt noch eine Menge weiterer feiner Unterschiede zwischen dem Cashgame- und dem Turnierspiel. Als Cashgame-Spieler musst du dich auch mit den richtigen Push/Fold-Strategien für die verschiedenen kleinen Stackgrößen vertraut machen, um deinen Vorteil in einem WCOOP-Event zu maximieren. Doch das ist ein anderes großes Thema, das eigens behandelt werden sollte. Diese drei Tipps sind hoffentlich ein guter Anfangspunkt für dich bei deinem Wechsel zum Turnierspiel. Viel Erfolg bei der WCOOP!
