Zwei Poker-Situationen, in denen Slowplay Pflicht ist
Als Pokereinsteiger wirst du fast erschlagen von eisernen Pokerregeln. Einen der ersten Grundsätze, den du in dem Zusammenhang bestimmt schon gehört hast, lautet: KEIN Slowplay!
So wertvoll solche Regeln auch sind, wäre das Spiel ziemlich langweilig, wenn es nicht auch Ausnahmen von der Regel gäbe. Heute wollen wir uns einige Situationen anschauen, in denen Slowplay nicht nur akzeptabel, sondern gerade zu Pflicht ist. Bevor es losgeht, ein kurzer Hinweis: Dieser Artikel bietet dir keine Ausrede, an beliebigen Stellen Slowplay zu zeigen, wann immer du willst. Die beiden Situationen im Anschluss sind also wirklich nur Ausnahmen von der goldenen Regel, an die sich weniger erfahrene Spieler grundsätzlich halten sollten. „KEIN Slowplay“ ist keine perfekte Regel, aber um Längen besser als „zeige Slowplay, wann immer du willst„.

Szenario 1 – außer Position mit kleinem Stack Köder auswerfen
Das Prinzip dabei ist: Du checkst mit einem starken Blatt zum Gegner, wenn du auf den nächsten Streets immer noch all deine Chips in die Mitte bringen kannst. Dass du den Pot trotz starkem Blatt auf dem Flop ausnahmsweise nicht aufbaust, ist nur dann sinnvoll, wenn der effektive Stack sowieso nur noch zwei Streets an üblichen Einsätzen umfasst. Eine weitere Bedingung ist, dass dein Blatt nicht gefährdet sein sollte. Das bedeutet, dein Gegner sollte wenig Chancen haben, sich gegen dein Blatt zu verbessern, wenn er auch checkt und die nächste Karte kostenlos mitnimmt.
Hier ein Beispiel, wo es für dich keinen Nachteil hat, den Gegner mit einem Check zu ködern – und dir im Gegenteil sogar Geld einbringen könnte, das dir mit einem herkömmlichen Einsatz womöglich entgeht:
Ein unbekannter schwächerer Spieler mit 40 BB eröffnet vom CO auf 3 BB. Du setzt im Small Blind mit K♥K♠ eine 3-Bet auf 9 BB. Der Gegner callt, sodass der Pot von 21 BB einem effektiven Stack von nur 31 BB gegenübersteht. Du brauchst offensichtlich nicht mehr als eine oder zwei Streets, um das restliche Geld in die Mitte zu bringen. Wenn der Flop also 7♣7♦2♥ bringt, wirfst du den Köder aus und checkst eine Street nur. Der Gedanke dahinter ist, dass nur ein Teil der gegnerischen Range empfindlich auf deinen Flop-Einsatz reagieren würde.
Wenn er 7-x, 2-2 oder As-As hält, verlierst du diesen Pot in den allermeisten Fällen, und daran kannst du nichts ändern. Egal ob du jetzt setzt oder checkst – bis zum River ist der Rest des Geldes im Pot, also musst du dir auch keine Sorgen um diese Situationen machen.
Wenn der Gegner stattdessen eines der schlechteren fertigen Blätter in seiner Range hat, wie Bube-Bube, 10-10, 9-9 oder ein anderes Paar, würde er vermutlich sowieso setzen, wenn du zu ihm checkst. Auch in dem Fall wandern die Chips also in die Mitte.
Aber was, wenn der Gegner 10♦9♦ oder eine der vielen anderen denkbaren wertlosen Kombinationen hat? Wenn du setzt, foldet er mit Sicherheit – und damit entgeht dir eine Menge Geld, weil du ihm nicht die Chance zum Bluffen gegeben hast. Wenn er hier nur in 10% der Fälle ein waghalsiges All-in bringt, erhöhst du mit einem Check deine Gewinnrate deutlich. Selbst wenn er den Köder nicht schluckt, könnte er noch das Pech haben und eine 10 oder 9 auf dem Turn erwischen, und dann? Dann holst du dir seine Chips vermutlich erst recht, wenn er deine Einsätze auf dem Turn und River callt.
Ein Einsatz auf diesem Flop ist ein großer Fehler, solange dein Blatt dem Schrott deines Gegners weit überlegen ist. Aber denk dran: Wenn du 9-9 statt deiner Pocket-Könige hättest, wäre die Sache deutlich enger. In dem Fall könnte der Gegner dich ausbluten lassen, wenn er die Chance dazu hat.

Szenario 2 – den Maniac ködern
Maniacs sind furchtbare Pokerspieler, weil sie in willkürlichen Situationen viel zu viel bluffen. Das macht es sehr lukrativ für dich, nicht zu folden. Das mag sich ziemlich riskant und volatil anfühlen, aber letztendlich ist es sehr profitabel, solange du große Folds vermeidest. Da Maniacs das Setzen für dich übernehmen, ist es einer der größten Fehler im Spiel, wenn du sie mit Raises zwingst, ihre Bluffs aufzugeben. Nehmen wir mal folgende Situation:
Du eröffnest UTG mit 7♦7♠ auf 3,5 BB. Du setzt deinen Einsatz schon höher an, weil ein aggressiver Maniac im Big Blind sitzt, der heiß läuft und immer tollkühner wird. Du hast 100 BB im Stack und der Big Blind callt. Der Flop bringt K♦7♣4♥ und der Big Blind checkt. Du setzt eine C-Bet von 2,5 BB in den Pot von 7,5 BB und der Gegner raist auf 10 BB. Juhu, er hat angebissen! Wag jetzt aber bloß nicht, in die Nähe des Raise-Buttons zu kommen. Zunächst mal: Welche Range hat dein Gegner und was ist vermutlich sein Denkprozess?
Die gegnerische Range könnte ein bisschen von allem umfassen. Er könnte durchaus ein Value-Blatt wie König-7 suited oder 4-4 haben, mit dem sich deine 3-Bet auf dem Flop, gefolgt vom All-in auf dem Turn lohnt, aber so was hält er in den wenigsten Fällen. Der Rest seiner Range ist eine Mischung aus merkwürdig gespielten K-x-Blättern, noch unsinniger gespielten mittleren Paaren und einem großen Haufen Schrott. Wenn du auf dem Flop ein Re-Raise bringst, wird er einen großen Teil dieses Schrotts folden, sodass dir nur ein kleiner Teil seiner Range bleibt, aus der du Value ziehen kannst. Natürlich könntest du hier für Value raisen und Geld verdienen, aber es ist ein großer Fehler.
Wenn dieser Gegner Schrott hält, ist sein Gedankengang vermutlich so was wie:
„Überlass mir gefälligst jetzt den Pot!“
Also lass ihm besser die Illusion, dass du vielleicht genau das tust.
Ein Call ist absolut unerlässlich, denn der würde dich gegen König-X vermutlich sehr wenig kosten. Vielleicht ist es sogar der wertvollste Zug gegen dieses Blatt, wenn du bedenkst, dass der Gegner von einer 3-Bet auf dem Flop eingeschüchtert werden und folden könnte. Der eigentliche Nutzen deines Calls ist aber, dass du ihn mit seinem absoluten Schrott weiter drauflosfeuern lässt. Wenn der Gegner hier einfach nur in Bluff-Laune ist, könnte seine Raise-Range auf dem Flop Hunderte unsinnige Blätter enthalten. Den größten Teil seiner Range abzuwürgen, wäre deshalb eine Todsünde.
Fazit
Es gibt natürlich noch einige andere Situationen, in denen Slowplay die richtige Taktik ist. Aber wenn du gerade deine ersten Schritte abseits der „KEIN-Slowplay-„Regel wagen willst, sind diese beiden Stellen ein guter Ausgangspunkt:
- Niedriges Stack-zu-Pot-Verhältnis und trockene Boards: Wenn das Stack-zu-Pot-Verhältnis niedrig ist (ca. 1,5) und das Board wenige mögliche Kombinationen bietet, hast du keine Eile, den Pot aufzubauen. Mit einem Check köderst du Schrottblätter und lädst Gegner zu einem Bluff mit Null Equity ein.
- Den Maniac provozieren: Bei übermäßig aggressiven Gegnern ist Raisen oft ein Fehler. Wenn du ihre Einsätze nur callst, bleiben sie mit ihrer breiten Bluff-Range in der Hand und können ihre Chips auf späteren Streets verpulvern.
