Das Festhalten an großen Pots
Werden Entscheidungen schwieriger für dich, je größer der Pot wird? In diesem Artikel erklären wir, warum viele Pokerspieler sich mental so sehr an große Pots klammern.
Es reicht nicht aus, die technischen Aspekte des Pokerspiels zu erlernen und dann zu erwarten, dass der Erfolg einem in den Schoss fällt. Der mentale Aspekt des Spiels verdient genauso viel Beachtung und harte Arbeit. Bei fast allen tiefergehenden Diskussionen über das Spiel kommt das unvermeidliche Thema Tilt zur Sprache – und das Festhalten an großen Pots ist eine Form davon. Der Begriff Tilt bezeichnet jede Abweichung von einem bewussten, rationalen Denkprozess, weil du dich von deinen Emotionen ablenken lässt.
Das Festhalten an großen Pots ist eine solche Abweichung, die auf einen urmenschlichen Instinkt zurückgeht: Man gibt ungern etwas auf, in das man schon Ressourcen, Zeit und Energie gesteckt hat. Das mentale Spiel besteht im Wesentlichen aus einem inneren Konflikt zwischen dem, wie du sein willst, und dem, wie du bist. Einen großen Pot aufzugeben, wenn dein Bewusstsein weiß, dass es der richtige Zeitpunkt dafür ist, ist eine Schlacht in diesem Konflikt. Es handelt sich hierbei um die Pokerversion der Versunkene-Kosten-Falle. Dein Gehirn will dir vermitteln, dass die Chips, die bereits im Pot sind, immer noch „deine“ sind – und es erfindet jeden möglichen Vorwand, um zu verhindern, dass du sie „verlierst“.

Eine Hand als Praxisbeispiel
Lass uns ein typisches und kostspieliges Szenario anschauen, um zu sehen, wie diese Falle in der Praxis aussieht:
Du setzt in einem 6-handed Cashgame im Small Blind (SB) eine 3-Bet mit A♥K♣, die der Preflop-Raiser im Cut-off (CO) callt. Ihr kommt Heads-up zum Flop K♦10♥5♥ und du setzt die Hälfte des Pots. Der Gegner callt in Position und auf dem Turn kommt 7♠. Wieder setzt du einen ganz plausiblen Value-Einsatz und wieder callt dein Gegenspieler. Der River bringt J♣ und der Pot ist mittlerweile sehr groß. Genaugenommen stellt der verbleibende effektive Stack gerade mal einen Einsatz von drei Vierteln des Pots dar.
Lass uns die Hand einmal objektiv und mit etwas Abstand betrachten, bevor wir uns diese Situation im Eifer des Gefechts vorstellen. An dieser Stelle gibt es drei Optionen, die du berücksichtigen solltest, bevor du eine Entscheidung triffst. Dabei musst du auch die Erwartungswerte (EV) von jeder dieser Optionen miteinander abwägen. Die drei Optionen sind: ein All-in-Einsatz, ein Check/Call und ein Check/Fold.
Fangen wir mit der ersten Option an.
Bevor du dich für einen Einsatz entscheidest, musst du dir über die Absicht dahinter im Klaren sein. Jeder gute Einsatz bietet dir einen dieser Vorteile in einem ausreichenden Maße: zusätzlichen Value dadurch, dass der Gegner mit einer Range callt, gegenüber der du vorne liegst, zusätzlichen EV durch die Chance, dass dein Gegner genügend bessere Blätter in seiner Range foldet (Fold Equity), oder Schutz dadurch, dass der Gegner eine Menge schlechterer Blätter niederlegt, die noch Outs haben.
Ein River-Einsatz kann nie dem Schutz dienen, da keine weiteren Karten kommen und sämtliche Equity praktisch schon realisiert ist. Ein Bluff scheint in dieser Hand ebenfalls keinen Sinn zu ergeben, da wir nicht davon ausgehen können, dass der CO ein Two-Pair-Blatt oder etwas Besseres auf einen Einsatz von weniger als der Höhe des Pots hin niederlegt. Könnte dies also ein Value-Einsatz sein? Das scheint auch nicht der Fall zu sein. Damit dein Gegenspieler mit einem schlechteren Blatt callt, müsste er nicht nur mit König-Dame Chips in die Mitte schieben, sondern auch mit einer ganzen Reihe schlechterer Blätter wie dem zweitbesten Paar. Wenn du nicht gerade einen Hinweis darauf aufgeschnappt hast, dass dieser Gegner sehr an seinem Blatt klebt, wäre diese Annahme übermäßig optimistisch.
Ein Einsatz kommt also nicht infrage: Es gibt einfach keinen Grund dafür!
Ein Check/Call wäre gegen einen typischen Spieler auf den Micro oder Low Stakes vielleicht sogar noch schlimmer. Der Check/Call ist ein Spielzug, um Geld an einem Bluff des Gegners zu verdienen, denn der würde auf diesem River wohl keinen Value-Einsatz mit einem schlechteren Blatt bringen. Welche Bluffs würde man in dieser Situation wahrscheinlich zu sehen bekommen? Das A♥ in deiner Hand verringert die möglichen Kombinationen eines verpassten Flush Draws deines Gegners immens, da er keine Blätter wie A♥4♥ haben kann. Angesichts der hohen Karten auf dem Board, die sehr gut mit den Ranges beider Spieler zusammenspielen, müsste dein Gegner schon ziemlich kreativ sein und Blätter wie 10-9, Dame-10 und Dame-Bube in einen Bluff verwandeln.
In der Theorie sollte er genau das auch tun, da diese Blätter einen miserablen Showdown Value haben. In der Praxis wagen die meisten Spieler auf den niedrigeren Stakes wie 25NL diese Bluff-All-ins jedoch nicht. Mit einem Check/Call würdest du also wohl nur deine verbleibenden Chips zum Fenster rauswerfen.
Die Antwort ist also: Es bleibt nur eine Option übrig. Du musst auf diesem River checken/folden. Du würdest diesen Pot keinesfalls immer verlieren. Es wird auch sehr oft vorkommen, dass dein Gegenspieler ebenfalls checkt und du mit deinem König ein niedrigeres Paar schlägst, aus dem du ohnehin keinen Call rausgeschlagen hättest. Wenn der Gegner doch setzt, sind wahrscheinlich nicht annähernd genügend Bluffs in seiner Range. Anders gesagt: Er nutzt nicht genug Blätter aus seiner Range als Bluffs. In unserem Beispiel gehen wir auf dem River All-in, nur um blitzschnell vom Gegner mit K♠J♠ gecallt zu werden.
Was ist also schiefgelaufen?
In diesen Situationen hört man oft seine innere Stimme.
Wenn du in einem großen Pot steckst, könnte sie so etwas sagen wie:
“ Auf diesem River folde ich nie im Leben, und ein Einsatz ist bestimmt besser als ein Check/Call.
Warum widerstrebt uns der Gedanke, diesen Pot aufzugeben, so sehr? Folden tut deshalb weh, weil du dich emotional schon an den Pot gebunden hast (Pot Commitment genannt). Du hast zu viel Mühe reingesteckt, um jetzt mit leeren Händen wegzugehen. Das Unbewusstsein war dermaßen besessen von dem Drang, keine Ressourcen zu verlieren, dass man noch nicht einmal daran dachte, zu checken/folden.
Dieses Verhalten geht auf unsere Evolutionsgeschichte zurück. Wir hätten nur geringe Überlebenschancen, wenn wir ständig Mühe, Zeit und Geld in etwas stecken würden, ohne am Ende irgendwas dafür zu bekommen. Eine Spezies, die daran Gefallen findet, würde wohl schnell aussterben. Die tatsächliche Herausforderung für einen Pokerspieler ist, seinen Verstand an diese neue Situation anzupassen: in der es tatsächlich essenziell für dein „Überleben“ ist, dass du einen großen Pot aufgibst, wenn es sich einfach nicht mehr lohnt, mehr Geld reinzustecken.

So löst du das Problem
Das Pokerspiel hat sich verändert und so manche Spieler sind heutzutage besser darin, Druck in großen Pots auszuüben. Das heißt aber noch lange nicht, dass jeder bedrohliche River-Einsatz ein Bluff ist. Die Kunst liegt darin, sich weder auf die eine noch die andere Möglichkeit zu fixieren und die Dinge stattdessen mit genügend Abstand zu betrachten, um objektiv die tatsächliche gegnerische Range einzuschätzen.
Wie können wir es schaffen, einem derart starken menschlichen Impuls zu widerstehen? Dies ist etwas, was du beim Spielen lernst, während du in genau diese Situationen gerätst, in denen Tilt sich bei dir bemerkbar macht. Eine solche innere Wandlung während des Spiels ist essenziell, weil du nicht versuchst, ein bewusstes Missverständnis aus der Welt zu schaffen, sondern eine unbewusste Angewohnheit. Wenn du dich das nächste Mal in einem großen Pot wiederfindest und vermutest, dass Folden der beste Spielzug ist, versuch, dieses zwanghafte Gefühl, dass du diesen Pot auf keinen Fall aufgeben kannst, als das zu erkennen, was es ist: ein kontraproduktiver animalischer Instinkt.
Wenn du erst mal realisierst, dass die Einsatz- und Call-Buttons nur für den irrationalen Teil deines Verstandes, der mit Poker nichts am Hut hat, verlockend aussehen, wird dir auch bewusst, was für ein blöder Fehler es wäre, einen dieser Buttons zu drücken. Vielleicht hilft dir ein einfaches, aber cleveres Mantra.
Sag dir in großen Pots Dinge wie:
“ Meine Entscheidungen basieren auf Logik, nicht auf Impulsen.
“ Wunschvorstellungen haben keinen Platz am Pokertisch.
“ Diesen Einsatz zu callen, würde bedeuten, meinen Emotionen nachzugeben.
Damit bringst du deinem Unbewusstsein irgendwann bei, dass diese Pots nicht die richtige Gelegenheit sind für den Instinkt, seine Ressourcen zu beschützen, damit es aufhört dich ständig zu schlechten Investitionen anzuregen.
So erkennst du diese Art von Tilt, bevor du auf „Call“ klickst:
- Du hoffst darauf, dass dein Gegner ebenfalls checkt, weil du weißt, dass du sein Blatt nicht schlägst, wenn er damit setzt.
- Du nimmst es persönlich, dass er dir „deinen“ Pot abnehmen will.
- Du denkst nicht mehr über seine Range nach, sondern über dein Gewinndiagramm dieser Spielsitzung.
- Statt nach Tatsachen suchst du nach Gründen, in der Hand zu bleiben.
Fazit
Große Pots können einem Kopfzerbrechen bereiten. Deine Emotionen zerren stark wie selten an dir und es braucht Mühe und Zeit, um die Arten von Impulsen in Zaum zu halten, die zu jeder Menge unnötigen Extraverlusten führen. Wenn du das nächste Mal auf dem River mit einem Einsatz oder Raise und einer für dein Blatt ungünstigen Karte konfrontiert wirst, achte darauf, inwieweit deine Entscheidungsfindung von rationalen, klaren Gedanken gesteuert wird und inwieweit von dem urmenschlichen Verlangen, an deinen wertvollen Ressourcen (den Chips) festzuhalten.
