Wann du beim Poker deinen Instinkten vertrauen solltest
Der Instinkt kann sich im Alltag als nützlich erweisen. Er kann dein Denken durch unbewusste kognitive Urteile beschleunigen. Das Unbewusstsein ist bedeutend schneller als das reflektierende Bewusstsein darin, einfache oder wohlvertraute Probleme zu lösen. Der Nachteil daran ist, dass eine solche instinktive Problemlösung weniger gründlich ist und dazu führen kann, dass du Schlussfolgerungen triffst, ohne sie auf potenzielle Unstimmigkeiten zu prüfen. Beim Poker, bei dem es wesentlich mehr statistische Informationen einzukalkulieren gibt als im Alltag, kann dein Instinkt sehr weit daneben liegen.
Heutzutage haben Spieler ein viel größeres Verständnis für die Komplexitäten des Pokerspiels und der Pokerstrategie als früher und sind mit Begriffen wie Einsatzhöhen, Tendenzen des Teilnehmerfeldes und Equity besser vertraut.
Mit diesen Tipps durchschaust du eher, wann du deinem Pokerinstinkt vertrauen solltest, und wann dies gefährlicher sein könnte.
Einstudierte Spielsituationen
Wenn du große bewusste Anstrengung investiert hast, um eine bestimmte Spielsituation zu analysieren, dann hat dein Unbewusstsein bereits ein Gefühl für diese Situation entwickelt. In diesen Fällen ist dein Instinkt also wahrscheinlich sehr viel verlässlicher als sonst.
Nehmen wir beispielsweise an, ein Trainee hat sich in den letzten Wochen mit der Frage beschäftigt, wann er auf eine C-Bet hin raisen sollte. Jetzt hat er in einer Hand seinen Big Blind mit 9♠ 7♠ verteidigt und sieht sich bei einem Flop von J♠ 8♦ 8♥ mit einem Einsatz in Höhe des Pots konfrontiert. Er erwischt sich dabei, dass er, ohne es zu realisieren, den Einsatzschieber auf das Vierfache der C-Bet hochzieht.
Sein Unbewusstsein hat die folgenden wesentlichen Zusammenhänge erkannt: Er hat eine gewisse Equity, aber soweit keinen Showdown Value und der Gegner hat wahrscheinlich eine breite C-Bet-Range. Diese Voraussetzungen machen einen Raise zu einem guten Spielzug.
Da er gleichzeitig an weiteren Tischen spielt, ist es nicht unbedingt erforderlich, sich in der Hitze des Gefechts bewusst näher mit den Gründen für ein Raise auseinanderzusetzen. Er kann sich stattdessen einfach darauf verlassen, dass die instinktive Entscheidung zum Angriff richtig war. Er ist diese Spielsituation bereits gründlich in der Theorie durchgegangen, weshalb er sie nun mit einer gewissen Gelassenheit und Vertrautheit angeht. Wenn du dir ein Verständnis vom GTO (Game Theory Optimal) und der richtigen Umsetzung davon in die Praxis erarbeitet hast, kannst du deinem Instinkt in solchen „einstudierten Situationen“ oft freier folgen, ohne große bewusste Bemühungen reinzustecken.

Emotionale Situationen
Wenn beim Poker dein Instinkt von Emotionen begleitet wird, dann ist das ein ernstes Warnzeichen. Das Problem ist, dass ein solcher Instinkt in der Regel mehr auf Verlangen basiert als auf Vertrautheit. Und dieses Verlangen ist normalerweise das Ergebnis einer Schwachstelle in deinem mentalen Spiel und hat nichts in einer Pokerhand zu suchen. Lass uns noch mal auf die letzte Beispielhand zurückkommen.
Nachdem er auf dem Flop mit Zuversicht geraist hat, stellt unser Trainee nun zu seinem Schrecken fest, dass sein Gegner ein Re-Raise gesetzt hat. Diesmal schreit der Instinkt: „Er will mich doch nur einschüchtern!“, während das Adrenalin nur so durch den Körper schießt – ausgelöst durch die unerwartete Reaktion des Gegners. Dies ist kein instinktives Gefühl, das auf Vertrautheit basiert, denn es handelt sich hierbei um eine seltene Spielsituation: Es kommt selten zu Raises auf dem Flop, und erst recht nicht zu Re-Raises. Stattdessen resultiert die impulsive Schlussfolgerung, dass der Gegner Stärke nur vortäuscht, aus einer Kampfreaktion. Diese wiederum basiert auf der Empfindung, dass dieser Re-Raise auf dem Flop eine inakzeptable aggressive Handlung – ja, fast schon einen persönlichen Angriff – darstellt. Es ist nicht so, dass der besagte Trainee an dieser Stelle notwendigerweise folden sollte. Aber er muss sich nun zusammenreißen und die Situation auf eine bewusstere Art und Weise betrachten, statt seinem instinktiven ersten Eindruck zu folgen. Emotionale Reaktionen sollten ein Warnzeichen für dich sein, was die Verlässlichkeit deines Instinkts im Pokerspiel angeht.
Die richtige Differenzierung zwischen Logik und Emotion wird entscheidend, wann immer dein Instinkt im Spiel zur Verteidigung, zur Wut oder gar zur Rache tendiert.
Dein bestes Spiel spielen
Es gibt diesen gewissen Flow-Zustand, in den praktisch jeder Spieler hin und wieder gerät und bei dem er am Ende seiner Spielsitzung so was denkt wie: „Wow, das war mit das beste Poker, das ich je gespielt habe.“ Dieses Gefühl, als ob die geistigen Zahnräder sanft ineinandergreifen und die Gedanken fließen würden wie ein ruhiger klarer Strom, wird auch oft als das A-Game bezeichnet.
In diesem Geisteszustand wird die emotionale Beeinflussung auf ein Minimum reduziert und es kommt zu einem harmonischen Zusammenwirken zwischen dem Unbewusstsein und dem Bewusstsein. Deshalb basieren Instinkte während solcher Spielsitzungen, in denen du dein A-Game spielst, wahrscheinlich auf den richtigen logischen Strukturen, die du identifizierst, und nicht auf Emotionen wie Sorge oder Wut.
Vertraue deinem Instinkt mehr, wenn du einen deiner besseren Tage an den Pokertischen erlebst. Und stelle alles eher in Frage, wenn du impulsive Fehler machst.
Gedankenlesen
Wenn du ein Pokereinsteiger bist, beruhen viele deiner Intuitionen wahrscheinlich auf Erfahrungsmustern aus dem echten Leben und nicht auf statistischem Denken. So sprechen neuere Spieler beispielsweise oft darüber, was ihr Gegner wohl denken mag oder wie sie ihn zu bestimmten Handlungen bewegen können, und lassen dabei Dinge wie Equity, Erwartungswert (EV), Fold Equity, Implied Odds, Pot Odds, Range-Analysen usw. außer Acht. Die Instinkte, die dir vermeintlich einen Hinweis darauf geben, was ein Fremder, mit dem du es online zu tun hast, denkt oder fühlt, sind in aller Regel eine Erfindung deines Gehirns, um eine Lücke zu füllen, die aus einem mangelnden Wissen über die Grundlagen von Pokerstrategie resultiert. Es gibt viele Spieler, die schon lange Poker spielen und es doch nie gelernt haben, wie man eine Pokerhand kritisch überdenkt. Stattdessen stellen sie alle möglichen Vermutungen auf der zwischenmenschlichen Ebene darüber an, was ihr Gegner im Schilde führt. Deshalb solltest du solche Emotionen ignorieren, die zu Gedanken führen wie „er denkt sich bestimmt, dass …“, „er versucht dies und das“ oder „ich bringe ihn dazu, zu denken, dass …“. Ein fundiertes Wissen vom GTO, einem Konzept, das beim Pokerspiel heutzutage als Grundlage für logische und fundierte Entscheidungen gilt, ist die Voraussetzung, um potenzielle Lücken im Spiel deiner Gegner ausfindig zu machen und diese dann zu deinem Vorteil auszunutzen.

Erfahrung
Zu guter Letzt brauchst du Erfahrung: Du wirst im Laufe der Zeit besser im Pokerspiel und im kritischen Denken während des Spielens werden. Und somit werden auch deine Instinkte verlässlicher. Ich lehne nie einen brandneuen Pokerspieler als Trainee ab, denn ich weiß, dass ich es bei ihm mit einem unbeschriebenen Blatt zu tun habe und ich dies als Grundlage nehmen kann, um ihm das richtige Grundwissen für eine erfolgreiche Pokerkarriere zu vermitteln. Zu Beginn dieses Lernprozesses wird dieser Trainee jedoch immer wieder alle möglichen falschen Instinkte hinsichtlich der angebrachten Handlungen haben. Diese impulsiven Gedanken stehen meistens im Widerspruch zu dem Rahmenwerk dessen, was wir lernen. Also erinnere ich diese Trainees ständig daran, dass sie ihre ersten Gedanken ignorieren und stattdessen nach Lösungen suchen sollen, die im Einklang mit der Denkweise stehen, die wir uns antrainieren wollen. Während der Trainee Fortschritte macht, lernt er, seiner Intuition mehr und mehr zu vertrauen. Aber solange er sich nicht umfassend mit dem theoretischen Training beschäftigt hat, sollte er seine Intuition außer Acht lassen. Es wird der Tag kommen, an dem der Trainee mit seinen Instinkten richtig liegt und das Spiel in vielen Situationen wie von selbst läuft. Aber bis es so weit ist, sollten bewusste Überlegungen die Grundlage seiner Entscheidungen sein. Letztendlich kommt es darauf an, dass du die Lücken und die Änderungen im Spiel deines Gegners erkennst und einen Vorteil daraus ziehst. Und dafür brauchst du GTO als Grundlage.
Zusammenfassung
- Der Instinkt existiert, um uns Antworten in vertrauten oder einfachen Situationen zu liefern.
- Dein Instinkt wird dann verlässlich, wenn du bereits viel bewusste Arbeit in das Training solcher Spielsituationen gesteckt hast. Dazu gehört, dass du dich gut mit den Grundlagen vom GTO auskennst.
- Der Instinkt ist nicht verlässlich, wenn er von Emotionen begleitet wird.
- Und der Instinkt wird verlässlicher, wenn du den Flow-Zustand erreichst und dein A-Game spielst.
- Nimm dich vor Instinkten in Acht, die dir vermeintlich verraten, was deine Gegner denken oder vorhaben. Du kannst nicht hellsehen und projizierst in solchen Fällen wahrscheinlich einen möglichen Gedankengang auf deinen Gegenspieler.
- Mit zunehmender Erfahrung kannst du deinem Instinkt Stück für Stück mehr vertrauen. Aber bis dahin gilt: Stelle deinen Instinkt immer infrage. Es ist bedeutend besser, die umfangreichen Grundlagen der theoretischen Pokerstrategie zu verinnerlichen und die Vorteile zu nutzen, die dieses Wissen mit sich bringt, als dich auf deine impulsiven Gedanken zu verlassen.
- Gute Instinkte werden verdient und nicht geschenkt.
