Kann man schwache Spieler bluffen?
„Schlechte Spieler kann man nicht bluffen! Sie callen mit allem!“ – ein Pokerspieler
Ein Bluff ist ein Einsatz (oder Raise), mit dem du Spieler mit besseren Blättern durch deine aggressive Aktion zum Folden bringen willst.
In diesem Artikel wollen wir uns konkret mit Bluffs gegen schwache Spieler beschäftigen. Zu den Grundlagen des Bluffens, die du zuerst lernen solltest, zählen Konzepte wie das Repräsentieren eines Blattes. Du könntest etwa so tun, als hättest du Pocket-Asse, und mit deinem Blatt genauso setzen, wie du es damit tun würdest. Oder du könntest bluffen, wenn eine Karte auf dem Board erscheint, die einen Flush vervollständigen könnte, um deinem Gegner mit deinem Spielzug zu signalisieren: „Ich habe einen Flush bekommen.“
Die Kunst, eine Geschichte zu erzählen
Eine gute, stimmige Geschichte bedarf bestimmter Komponenten, die essenziell sind, wenn du es mit kompetenten Gegnern zu tun hast, die das Spiel mit GTO (Game Theory Optimal) im Sinn angehen. Diese Spieler schauen nach Balance und Beständigkeit. Gegen schwächere, weniger bedachte Spieler sollten wir unsere Strategie allerdings ändern: Unser Ziel ist es nun nicht mehr unbedingt, ein ausbalanciertes Spiel zu spielen, sondern die vorhersehbaren Schwachstellen des Gegners auszunutzen.
Wann ist ein Bluff glaubwürdig?
Anders gesagt: Wenn du nach der Flush-Karte auf dem River auf Angriff gehst, um einen vervollständigten Flush vorzutäuschen – stehen deine vorherigen Spielzüge dann in Einklang mit diesem Blatt? Würde dein Gegner davon ausgehen, dass du deine Aktionen in den bisherigen Einsatzrunden mit einem Flush Draw gemacht hättest? Wenn deine vorherigen Aktionen während des gesamten bisherigen Verlaufs der Hand zu dieser Art von Blatt passen würden, dann erzählst du eine gute, solide und glaubwürdige Geschichte. Dein Gegner könnte dir deine Geschichte abkaufen, weil sie für ihn Sinn ergibt. Der Grundgedanke dahinter ist: Eine Methode, einen guten Bluff durchzuziehen, besteht darin, von Anfang an ein Blatt auszuwählen, das du repräsentieren willst, und dann alle Spielzüge genauso zu spielen, als wenn dies tatsächlich dein Blatt wäre. Wenn du es so machst, erzählst du tendenziell eine gute Geschichte und gerätst nicht in die Falle, etwas vorzutäuschen, was unlogisch ist. Wenn deine Geschichte keinen Sinn ergibt, kommen gute Zuhörer, oder besser gesagt analytische Beobachter, dir eher auf die Schliche und callen deinen Bluff.

Warum schwache Spieler eine besondere Herausforderung sind
Vielleicht denkst du dir gerade: „Moment mal, das verstehe ich, aber in diesem Artikel geht es darum, schwache Spieler zu bluffen, und schwache Spieler passen doch nicht gut auf, oder?“ Und tatsächlich sind schlechte Spieler auch schlechte Beobachter. Sie beachten normalerweise nicht die Botschaft, sind schlecht darin, dein Blatt einzuschätzen oder denken über die Hand auf eine Art nach, die im Rahmen des Pokerspiels unplausibel ist. Einige beachten dich gar nicht: Sie spielen einfach ihre eigenen Karten, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was du wohl auf der Hand haben könntest.
Du magst antworten: „Genau, und deshalb können diese Spieler nicht geblufft werden!“
Aber nein, das habe ich nicht gesagt. Auch solche Spieler kann man bluffen.
Wenn die Theorie der „guten Geschichte“ versagt
Es ist wahr, das alles bisher Gesagte sich kaum auf schlechte Spieler anwenden lässt. Ganz gleich, wie gut du deine Geschichte durchdacht und präsentiert hast – sie bringt dir nichts, wenn sie auf taube Ohren trifft. Allerdings ist es auch nicht so, dass schlechte Spieler niemals folden. Es gibt niemanden, der in jeder einzelnen Hand den Showdown erreicht – egal, wie loose ein Spieler auch spielen mag, er wird hin und wieder folden. Solche Spieler, die wahnsinnig loose spielen, stellen in der Tat ein schlechtes Ziel für deine Bluffs dar, und du solltest stattdessen beständig Value-Einsätze gegen sie bringen. Allerdings sind die meisten schlechten Spieler nicht ganz so loose.
Der Schlüssel zum Erfolg: gegen schwache Ranges bluffen
Wann folden diese Spieler also? Logischerweise dann, wenn ihr Blatt schwach ist. Je schwächer sein Blatt ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass dein Gegner auf einen Einsatz hin foldet. Und das ist der Schlüssel für Erfolg beim Bluffen von schwachen Spielern: Übe dann Druck auf sie aus, wenn ihre Range schwach ist.
Was macht die Range eines schlechten Spielers schwach?
Die Antwort liegt oft in ihrer passiven Spielweise, die darauf hindeutet, dass ihre Range nach oben hin sehr limitiert ist. Sie spielen vor dem Flop mit einer breiten Range (sie callen zu viel). Doch nach dem Flop lieben sie es, mit weniger guten Blättern zu checken und callen. Wenn ein schwacher Spieler auf dem Flop und Turn jeweils gecheckt und dann gecallt hat und nun auf dem River wieder checkt, besteht seine Range in der Regel aus niedrigen Paaren oder verpassten Draws. Diese Spieler versuchen, für einen niedrigen Preis den Showdown zu erreichen, und sie lassen sich leicht in der letzten Einsatzrunde unter Druck setzen.
Ein Praxisbeispiel für einen Bluff gegen eine schwache Range
Lass uns eine häufige Situation anschauen, die deutlich macht, wie ein Bluff gegen einen schlechten Spieler mit einer schwachen Range auch dann funktioniert, wenn er bei deiner Geschichte nicht wirklich aufpasst.
Du bist auf dem Button und setzt ein Eröffnungs-Raise mit Q♠ J♥ . Ein schwacher Spieler verteidigt seinen Big Blind. Der Flop bringt 2♣ 4♦ 8♠ . Er checkt und du setzt eine kleine Continuation Bet, die er callt. Seine Range besteht an dieser Stelle größtenteils aus niedrigen Paaren wie 2-x, 4-x und ein paar 8-x-Blättern, einigen Straight Draws wie 5-3, 6-5, 6-7 und einer Reihe weiterer Blätter, mit denen er vielleicht auf gut Glück gecallt hat wie A♣ 7♦ sowie aus einigen Backdoor Flush Draws.
Auf dem Turn kommt 10♣ . Er checkt auf ein Neues, du feuerst einen zweiten Einsatz ab und er callt wieder. Seine Range ist immer noch begrenzt und angreifbar: viele One-Pair-Blätter, verpasste Straight Draws und einige wenige Backdoor Flush Draws, die jetzt eine gewisse Equity haben. Du wirst nicht oft Slow-Play von schwachen Spielern sehen. Das bedeutet, dass dein Gegner in einer solchen Situation nur selten ein sehr starkes Blatt haben wird. Wenn er etwas Gutes hätte, hättest du es zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon mitbekommen.
Auf dem River kommt K♦ . Er checkt zum dritten Mal. Dies ist eine ausgezeichnete Karte für dich: eine weitere Overcard für die meisten seiner Paare, die keinen seiner wahrscheinlichen Draws vervollständigt und die extrem gut mit deiner mutmaßlichen Eröffnungs-Range vom Button zusammenspielt. Du gibst einen dritten Einsatz ab und er foldet.

Was hat er also wahrscheinlich gepasst?
In den meisten Fällen hatte er verpasste Straight Draws und niedrige Paare wie 2-x oder 4-x. Einige Spieler würden in dieser Situation sogar 8-x aufgeben. Der entscheidende Punkt ist, dass er nicht gefoldet hat, weil du eine perfekte Geschichte erzählt hast, sondern weil er einfach ein schlechtes Blatt hatte. Auch schlechte Spieler folden manchmal schwache Blätter, so wie in diesem Fall, in dem wir einen Gegner mit einer limitierten und angreifbaren Range bei der richtigen Board-Struktur aus dem Pot gejagt haben.
Um diese Praxis effektiv anzuwenden, solltest du daran arbeiten, gegnerische Ranges so genau wie möglich abzuschätzen. Auf diese Art kannst du solche Situationen identifizieren, in denen du es mit einem schlechten Gegenspieler mit einer schwachen Range zu tun hast. Dabei gibt es jedoch ein paar wichtige Punkte zu beachten:
Drei maßgebliche Kriterien für Bluffs gegen schwächere Gegner
- Ein Bluff wird nach wie vor als ein Einsatz definiert, den du in der Absicht machst, bessere Blätter zum Folden zu bringen. Wenn wir den Einsatz gegen eine schwache Range setzen, muss unser Blatt also schwächer sein als diese Range. Nehmen wir eine Hand wie die folgende als Beispiel: Du hast A♣ 10♦ und auf dem Board liegen K♦ 10♥ 8♠ 4♥ 4♣ . Es wäre an dieser Stelle keine gute Idee, auf dem River ein Raise gegen einen schlechten Spieler zu bringen, um „unser Blatt in einen Bluff zu verwandeln“. Der Grund dafür ist, dass ein schlechter Spieler hier keinen König niederlegen würde und wir alle seine schlechteren Blätter ohnehin schlagen.
- Die Beständigkeit deiner Geschichte spielt hierbei eine untergeordnete Rolle. Unsere Spielzüge sind nicht unbedingt plausibel, was unsere Geschichte angeht, aber das ist in Ordnung. Gegen einen Spieler, der im Großen und Ganzen einfach nur sein Blatt spielt, ist es die richtige Vorgehensweise, seine schwachen Ranges anzugreifen. Die Tatsache, dass er nicht aufpasst, ist unser Vorteil, denn das bedeutet, dass wir uns nicht allzu viele Gedanken darüber machen müssen, ob unsere Geschichte stimmig ist. Die Sorge, dass dein Raise praktisch nichts repräsentiert, kannst du dir für Gegner aufsparen, die ein gewisses Können darin zeigen, deine Ranges einzuschätzen.
- Du musst den Spieler spielen: Natürlich musst du berücksichtigen, dass es auch Spieler gibt, die sich nicht so einfach in eine Kategorie stecken lassen. Wenn jemand mit einem Blatt callt, von dem du erwarten würdest, dass die große Mehrzahl von Spielern im Teilnehmerpool es niederlegen würde, dann solltest du dir das unbedingt notieren, damit du beim nächsten Aufeinandertreffen mit diesem Gegner deine Strategie entsprechend anpassen kannst.
Wann du bluffen solltest
Du solltest schlechte Spieler nicht oft bluffen, weil es einfach nicht nötig ist, um einen bedeutenden Vorteil gegen sie zu haben. In vielen Fällen ist es ausreichend, gegen schlechte Spieler Value-Einsätze zu bringen, wenn wir ein starkes Blatt haben, und kein Geld in den Pot zu legen, wenn das nicht der Fall ist. Doch wenn wir diesen Vorteil noch ausbauen wollen, indem wir Situationen erkennen, die sich gut für einen Bluff eignen, dann ist dies die richtige Betrachtungsweise, denn entgegen der landläufigen Meinung können auch schlechte Spieler durchaus geblufft werden. Voraussetzung dafür ist, dass du die richtigen Situationen für deine Bluffs auswählst, in denen dein Gegner vermutlich nicht viel auf der Hand hat, aber du selbst noch weniger hast.
Die wahre Bedeutung des Titels dieses Artikels ist also das Bluffen gegen schwache Ranges, was nachvollziehbar sein sollte: Es wäre kein profitabler Ansatz, zu versuchen, Spieler mit einem starken Blatt zum Folden zu bringen. Dies ist die einzige Art und Weise, um schwache Gegenspieler effektiv zu bluffen, denn auch wenn du ihnen noch so glaubhaft Stärke vortäuschst, werden deine Bemühungen dadurch zunichtegemacht, dass dein Gegner nicht in der Lage ist, deine Botschaft zu entziffern.
Zusammenfassung
- Wenn du Spieler bluffst, bluffst du im Prinzip ihre Ranges. Schwache Spieler haben schwache Ranges.
- Wähle die richtigen Situationen. Bluffe dann, wenn dein Gegner wahrscheinlich nicht viel auf der Hand hat. Bluffe nicht gegen Spieler, die auch mit schwachen Blättern callen.
- Value-Einsätze sind das A und O. Geh sparsam mit deinen Bluffs um: Dein Vorteil kommt in erster Linie durch Einsätze mit guten Blättern zustande.