Warum auch kleine Pots wichtig sind
Beim Poker gibt es einige Fallstricke, in die viele Spieler tappen. Eine der häufigsten Tücken ist in diesem Zusammenhang zweifelsohne, dass sie kleine Pots vernachlässigen.
Es ist normal, dass dir eher die großen Pots in Erinnerung bleiben, etwa wann du auf dem River mit einem Check-Raise konfrontiert wurdest und daraufhin ein sehr starkes Blatt folden musstest.
Spieler konzentrieren sich bei der Analyse von Pokerhänden tendenziell auf sehr große und schmerzhafte Pots, dabei sind solche Situationen langfristig gesehen zu knapp oder zu selten, um wirklich ins Gewicht zu fallen.
Eine effektive Trainingsmethode, um dieser verlockenden Falle zu entgehen, ist es, Hände, bei denen der Pot 40 BB übersteigt, bewusst außer Acht zu lassen. Damit legst du deinen Fokus automatisch auf Situationen, die viel häufiger vorkommen.

Eine Analogie: das Erinnerungs-Bias
Warum neigen Spieler instinktiv dazu, sich eher mit großen Pots zu beschäftigen? Weil die großen Pots besser im Gedächtnis bleiben. Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, alltägliche und weniger bedeutende Ereignisse auszublenden, um Kapazitäten für dringendere und unbekannte Situationen zu schaffen.
- Seltene Ereignisse: Du erinnerst dich viel eher daran, einen Rettungswagen für jemanden gerufen zu haben als an irgendeine Routinetätigkeit.
- Alltägliche Ereignisse: Wenn du hingegen ungewöhnlich lange brauchst, um dein Zugticket zu finden, ist das ein so alltägliches Erlebnis, dass du es schnell wieder vergessen hast.
Kernprinzip
Um ein starker Pokerspieler zu werden, musst du dich auf die vielen banal erscheinenden kleinen Pots konzentrieren, die auf lange Sicht wirklich zählen.
Dein Gehirn empfindet sie als nicht bedeutend genug, um deine Aufmerksamkeit zu verdienen. Es geht quasi davon aus, dass du diese Situationen genauso selbstverständlich gemeistert hast wie banale Alltagstätigkeiten wie Zähne putzen oder Schuhe anziehen. Aber das ist im Pokerspiel nur sehr selten der Fall.
Stell dir einmal den umfangreichen Rehaprozess von jemandem vor, der laufen oder sprechen neu lernen muss. In einem solchen Szenario würde es keinen Sinn ergeben, sich darüber Gedanken zu machen, wie man einen Bärenangriff (bzw. einen seltenen großen Pot) überlebt. Stattdessen muss man sich auf jeden kleinen Schritt konzentrieren. Diese alltäglichen Situationen sind entscheidend. Du gehst einfach davon aus, dass sie nicht so wichtig sind, weil du sie schon im Leben gemeistert hast. Beim Poker hören Spieler im Prinzip nie damit auf, „laufen und sprechen“ zu lernen bzw. zu perfektionieren. Deshalb ist es so wichtig, dass du dich weiter auf gewöhnliche kleine und mittelgroße Pots konzentrierst.
Die Illusion, dass Grenzfälle entscheidend sind
Manchmal sind große Pots nur deshalb schwierig, weil der Grat mathematisch zu schmal ist. Mal angenommen, du spielst um einen 3-Bet-Pot und dein Gegner, ein regelmäßiger aggressiver Spieler, bringt drei Einsätze in drei Einsatzrunden. Vielleicht würdest du mit einem Top Pair lange hin und her überlegen, was du tun solltest. In Wahrheit macht es aber gemessen an deinem langfristigen Erwartungswert (EV) keinen großen Unterschied, wofür du dich entscheidest.
Ein guter aggressiver Gegner hat vermutlich eine im Großen und Ganzen ausbalancierte Range, geht kompetent mit Value-Einsätzen um und blufft oft genug in diesen Fällen, sodass du nicht einfach alle deine Bluff Catcher folden kannst.
Du kannst diese Situation natürlich hinlänglich analysieren, indem du deine Blocker prüfst und abschätzt, wie gut sich dein Blatt als Bluff Catcher eignet, aber jede Entscheidung wird wahrscheinlich nur ganz knapp profitabel (oder aber unprofitabel) sein.
Diese Pots fühlen sich nur wegen ihrer Größe so wichtig an, aber unterm Strich haben sie auf lange Sicht kaum einen Einfluss auf deinen Erwartungswert. Es wäre Zeitverschwendung, eine Stunde damit zu verbringen, diese Hand mit einem Freund zu besprechen, während es Hunderte von häufig vorkommenden Situationen mit kleinen Pots gibt, in denen dir vielleicht regelmäßig bedeutende Fehler unterlaufen. Es sind tatsächlich diese Fehler und die falschen Prioritäten bei der Handanalyse, die die meisten Spieler davon abhalten, wirklich weiterzukommen.

Den Autopilot-Modus bei kleinen Pots ausschalten
Die Vernachlässigung von kleinen Pots hat außerdem zur Folge, dass Spieler während des Spiels oft geistig abschalten. Wie bereits erörtert liegt das Problem hier darin, dass dein Unbewusstsein davon ausgeht, dass du diese gewöhnlichen Situationen genauso perfektioniert hast wie die alltäglichen Aktivitäten im Leben. Das kann dazu führen, dass du in einem Pot mit einem Limper einfach nur checkst, ohne dir großartig Gedanken darüber zu machen, ob ein Bluff profitabel sein könnte.
Stell dir eine häufige Spielsituation vor:
Du sitzt im Big Blind mit 5♦4♣ und auf dem Button ist ein dir unbekannter Spieler, der mit einem Call (Limp) in den Pot einsteigt. Der Small Blind foldet und du checkst. Auf dem Flop kommen A♣9♥7♠ und du checkst. Dein Gegner checkt ebenfalls und der Turn bringt 10♦. Wieder verläuft die Einsatzrunde Check-Check. Auf dem River kommt 9♣ . Die richtige Entscheidung liegt eigentlich auf der Hand: Du musst bluffen. 5 hoch hat null Showdown-Wert, ein Check hätte also einen EV von null.
Mathematisch gesehen ist ein Bluff an dieser Stelle dann der richtige Spielzug, wenn du deinen Gegner in mehr als 40% der Fälle mit einem Einsatz von 2/3 des Pots zum Folden bringen kannst. Für die meisten Gegner, die mit einem Call in den Pot eingestiegen sind, ist der Pot genauso nebensächlich wie oben beschrieben. Deshalb wäre es für viele Spieler keine Option, in dieser Situation mit spekulativen Blättern wie König hoch oder Dame hoch zu versuchen, dich beim Bluffen zu erwischen. Dein Bluff würde in dieser Situation in mehr als der Hälfte aller Fälle Erfolg haben. Du würdest mit diesem Spielzug also Geld verdienen.
Wenn du diese Gelegenheiten zum Bluffen verpasst, weil du gelangweilt oder nicht ganz bei der Sache bist, führt dies langfristig zu einem bedeutenden EV-Verlust.
Profitipp
Vermeide den Autopilot-Modus, indem du dich daran erinnerst, dass jeder Pot zählt: wenn nicht wegen seiner Größe, dann wegen der hohen Häufigkeit vergleichbarer Situationen.
Die „Sammler“-Mentalität
Um beim Pokern zu gewinnen, musst du rigoros nach jedem noch so kleinen Vorteil suchen, der sich dir in nebensächlich erscheinenden Situationen bietet. Was die besten Pokerspieler der Welt gemeinsam haben, sind die Fähigkeit und der Wille, immer wieder um jedes Quäntchen an EV in kleinen Pots zu kämpfen.
Diese „Sammler“-Mentalität ist oft nachhaltiger als das Spielen um große Pots in Situationen mit hoher Varianz. Wenn du es schaffst, diese zusätzlichen Gewinne kontinuierlich einzusacken, häufst du mit der Zeit genug Extraprofit an, dass du auch Downswings bei großen Pots überstehst. Dies wiederum verringert die emotionale Fixierung auf Coolers (wenn dein sehr starkes Blatt unerwartet von einem noch besseren geschlagen wird) sowie Bad Beats und lenkt deine Energie auf das, was wirklich zählt: die häufigen Situationen.
Zusammenfassung
- Die häufig vorkommenden Situationen rund um kleine Pots werden oft vernachlässigt, weil das menschliche Gehirn darauf ausgerichtet ist, Routine zu ignorieren. Beim Poker ist es allerdings entscheidend, diese Routinesituationen zu meistern.
- Stressige und unangenehme Situationen fühlen sich nur deshalb so schwierig an, weil sie mathematisch grenzwertig sind – was bedeutet, dass deine Entscheidung letztendlich eine geringere Auswirkung auf deine langfristige Gewinnrate hat, als du vielleicht denkst.
- Du musst dir abgewöhnen, auf den Autopilot-Modus zu schalten. Nur so kannst du mehr als einen fairen Anteil an kleinen Pots gewinnen.
- Es ist sehr viel wichtiger für deinen langfristigen Erfolg, dass du kontinuierlich Situationen erkennst und ausnutzt, die deinen EV erhöhen, als dass du den einen oder anderen großen Pot gewinnst.
