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Ohne die Initiative spielen

November 21, 2025
von PokerStars Learn

Seien wir mal ehrlich: Wenn man mit dem Pokern gerade erst anfängt, macht es keinen Spaß, die Rolle des Verteidigers zu spielen. Es kann schnell ungemütlich werden, wenn man ein Raise vor dem Flop oder eine 3-Bet gecallt hat und dann nach dem Flop mit einer kniffligen Situation umgehen muss. Wir nennen solche Situationen: ohne die Initiative spielen. Das heutige Online-Pokerspiel hat eine Entwicklung in eine aggressivere Richtung durchgemacht und erfordert nunmehr eine subtilere und differenziertere Herangehensweise. Natürlich bleiben die fundamentalen Grundlagen dieselben, doch es ist ein modernerer Ansatz vonnöten. Angesichts dessen wollen wir uns heute zuerst mit dem Wesentlichen beschäftigen und herausfinden, wie wir mit unserem Repertoire dastehen, bevor wir im Detail auf die Strategie eingehen.

Was bedeutet Initiative?

Im Sport wird oft über Initiative gesprochen, und das aus gutem Grund. Eine Fußballmannschaft hat die Initiative, wenn sie dabei ist, sich den Weg zum gegnerischen Tor zu erkämpfen, während die andere Mannschaft auf Verteidigung spielt. Beim Boxen hat derjenige Kämpfer die Initiative, der gerade attackiert. Beim Poker ist es das Gleiche: Der Preflop-Raiser ist derjenige, der angreift, um den Pot zu gewinnen, während der Preflop-Caller seinen Blind (oder vielleicht seinen Button) verteidigt hat. Auf dem Flop ist es üblich, dass der Spieler mit der schwächeren, limitierten Range zu dem Spieler mit der stärkeren, unlimitierten Range hin checkt. Dies liegt daran, dass der Spieler, der das Eröffnungs-Raise gebracht hat, für gewöhnlich eine stärkere Range hat. Er ist freiwillig in den Pot eingestiegen, und nicht, weil er den Big Blind setzen musste. Der Caller im Big Blind hingegen hat schon einen Preis dafür bezahlt, um den Flop zu sehen, und wird seinen Blind mit einer relativ großen Bandbreite an Blättern verteidigen. Deshalb ist der Spieler im Big Blind in der Verteidigung, was die beiden Ranges im Vergleich angeht. Man kann auch sagen, dass ihm die Initiative fehlt.

Heutige Pokerspieler sind sich dieses wichtigen Konzepts bewusst, aber konzentrieren sich tendenziell auf die Dynamik zwischen den Ranges und auf Ausnahmefälle, die sich aus der Boardstruktur ergeben. So kann der Spieler im Big Blind in bestimmten Situationen durchaus die Führung übernehmen. Aber grundsätzlich hat der Preflop-Raiser die Initiative.

Die Initiative zu haben, bedeutet vereinfacht zusammengefasst, den Positionsvorteil zu haben. Außerdem spiegelt dieser Ausdruck die Stärke der Blattrange wider.

Ein Pokerspieler mit As-Dame suited auf der Hand plant seinen nächsten strategischen Zug.

Prozedurales Checken

Es liegt nicht an der Initiative, dass wir zum Preflop-Raiser hin checken wollen, sondern daran, dass seine Range unserer auf den meisten Flops und bei den meisten Boardstrukturen überlegen ist. Mit den meisten Blättern in unserer Range haben wir unseren Blind nicht verteidigt, weil wir erwartet haben, damit Geld zu gewinnen, sondern weil wir unsere Verluste reduzieren wollten. Das ist, worum es beim theoretisch optimalen Spiel vom Big Blind geht: Niemand macht in irgendeinem Spiel langfristig jemals einen Gewinn von dieser Position am Tisch aus.

Dieser Grundsatz gilt auch heute noch, wenngleich sich inzwischen gewisse Tendenzen im Teilnehmerfeld etabliert haben. Der Big Blind-Spieler hat mehr Gelegenheiten, auf Gegenangriff zu gehen, statt zu checken oder zu folden. Der Grund dafür ist, dass Spieler heutzutage seltenere und kleinere C-Bets setzen.

Zum Raiser hin zu checken, wäre an dieser Stelle der standardmäßige Spielzug, weil wir unter ansonsten gleichen Bedingungen mit unserem durchschnittlichen Blatt gegen das durchschnittliche Blatt unseres Gegners nicht den Pot aufblähen wollen. Es kann natürlich auch vorkommen, dass wir ein besonders starkes Blatt haben, aber selbst dann sollten wir den Pot nicht in die Höhe treiben, indem wir die Führung übernehmen. Das Problem damit liegt auf der Hand: Wenn wir als Preflop-Verteidiger mit unseren guten Blättern den ersten Einsatz (Donk Bet genannt) machen und mit unseren schlechten Blättern checken, hängen wir unsere Blattstärke damit an die große Glocke – was langfristig zur Folge hätte, dass unser Gegner uns in dieser Situation zunichtemachen würde. In meinem Buch „The Grinder’s Manual“ nenne ich diesen automatischen Check den prozeduralen Check. Es ist tatsächlich eine Sache der Gewohnheit, sofern wir keine gegenteiligen Informationen haben.

Donk Bets

Sofern du nicht gerade mit einer ungewöhnlich starken Range vom Big Blind gecallt hast, ist es in aller Regel suboptimal, auf dem Flop häufig Donk Bets zu setzen. Unter gewissen Umständen können wir uns allerdings für eine solche Donk Bet entscheiden, um die Spielweise unserer Gegner zu unserem Vorteil auszunutzen. Gegen passive Spieler, die nicht als Bluff raisen, kann eine billige Donk Bet eine großartige Methode sein, um den Pot zu gewinnen, wenn der Flop beiden Spielern nichts gebracht hat. Für diesen Spielzug gegen den richtigen Typ von inaktiven Spieler eignen sich am besten solche Arten von Boards, bei denen so einige Draws möglich sind (auch nasse Boards genannt) bzw. solche Boards, die niedrigere Karten beinhalten. Bei diesen Boards sind unsere guten Blätter ziemlich gefährdet, weshalb es uns nichts ausmacht, wenn der Gegner in dieser Situation ein schlechteres Blatt niederlegt, das ihm zwei Overcards gegen unser Paar gibt. Darüber hinaus wird ein Großteil der gegnerischen Range zu diesem Zeitpunkt kein Paar aufweisen. Auf einem Flop wie 873 beispielsweise würde sich ein fantasieloser, passiver Spieler sehr schwer damit tun, oft genug auf Verteidigung zu spielen, wenn er mit einer Donk Bet in Höhe von 66% des Pots konfrontiert wird.

In den heutigen einfacheren Spielen haben Donk Bets tatsächlich ein kleines Comeback hingelegt – insbesondere auf den Micro Stakes und Low Stakes, auf denen Spieler tendenziell zu viel gegen unerwartete aggressive Spielzüge folden.

Ein Pokerspieler erhöht um eine größere Menge Chips. Die Absicht hinter einem solchen starken Raise ist es, die Kontrolle über den Pot zu erlangen.

Floating

Es ist wichtig zu verstehen, dass es immer noch die Möglichkeit gibt, zurückzuschlagen, wenn du checkst, ohne die Initiative zu haben – was eine häufige Spielsituation ist. Wenn der Gegner eine C-Bet in Höhe eines Drittels des Pots bringt (ein beliebter Spielzug in den heutigen Spielen), dann müssen wir nur in 20% der Fälle den Pot gewinnen, damit wir mit einem Call auf plus/minus null kommen. Das liegt daran, dass wir nur eine Einheit riskieren, um den Pot (drei Einheiten) plus den Einsatz des Gegners (eine Einheit) zu gewinnen. Wir bekommen also Pot Odds von 4:1 oder 80:20 für unser Geld. Daraus folgt, dass die Anforderungen für einen Call einer C-Bet auf dem Flop sehr gering sind.

Bei Boardstrukturen, bei denen die Range des Spielers in Position schwächer erscheint, als es aussieht, tendieren Spieler heutzutage stärker dazu, mit schlechteren Blättern zu callen (Floating genannt). Ein gut getimter Float Call, gefolgt von einem aggressiven Spielzug auf dem Turn ist nunmehr ein wichtiger Bestandteil der meisten Postflop-Strategien.

Wenn der Gegner in Position ist und auf dem Board J84 ein Drittel des Pots setzt und wir 97 haben, sind unsere Aussichten schlecht. Aber damit wir folden, müssten sie noch um einiges schlechter sein. Wir sollten an dieser Stelle callen und davon ausgehen, dass wir 20% Equity an dem gesamten letztendlichen Pot haben – und zwar basierend auf den folgenden Umständen.

Zuallererst einmal haben wir einen Draw, der uns ein sehr starkes Blatt und somit vielleicht mehr Geld einbringen kann, wenn es gut läuft. Zweitens wird der Gegner auf dem Turn manchmal aufgeben, sodass wir auf dem River setzen und gewinnen können. Drittens haben wir die Chance, ein Paar zu treffen, was sich durchaus als gut genug herausstellen könnte. Ja, wir werden in dieser Situation meistens verlieren. Ja, du musst dich nicht gut damit fühlen. Aber nein, das ist noch kein Grund zum Folden.

Raisen

Ein wirklich starker Spielzug, um zurückschlagen und die Initiative zurückzuerlangen, ist zudem das Check-Raise. Die üblichste Art, um den Raise-Button in diesen Fällen zu verwenden, ist eine polarisierte Strategie. Das heißt, dass du gegen die C-Bets des Spielers in Position mit einer Range von Blättern zurückschlägst, die eine Mischung aus sehr starken fertigen Blättern und einigen der besseren Semi-Bluffs darstellt. Auf dem Flop JJ2 beispielsweise könntest du ein Raise auf das 4-Fache der gegnerischen C-Bet mit einer Range setzen, in der 2-2, starker Bube-X, einige Flush Draws und ein paar wenige Backdoor Draws zum Karo-Flush wie Q10 vorkommen.

In den heutigen Online-Pokerspielen wird sehr viel subtiler vorgegangen, was die Häufigkeit und die Höhe der Einsätze angeht – wobei die Absicht ist, aggressive Spieler für ihre C-Bets mit kleineren Raises auf bestimmten Boardstrukturen „zu bestrafen“.

Damit kannst du deinen Gegner unter großen Druck setzen und ihn mit vielen Blättern in seiner Range in eine schwierige Situation bringen. Gleichzeitig vermeiden wir die Falle, mit mittelmäßigen Blättern zu raisen, die wahrscheinlich nur dann gecallt werden, wenn sie geschlagen sind, und fast immer gecallt werden, wenn sie das zweitbeste Blatt darstellen.

Zusammenfassung:

  • Abschließend lässt sich sagen: Initiative = Positionsvorteil + Stärke der Range – all dies sind immer noch wichtige moderne Konzepte.
  • Wenn seltener C-Bets gesetzt werden, hat dies zur Folge, dass du dementsprechend die Häufigkeit anpassen musst, mit der du einen prozeduralen Check machst.
  • Donk Bets haben eine Art Comeback gemacht und sind heute auf bestimmten Flops ein gängiger Spielzug, um die Spielweise der Gegner auszunutzen.
  • Wenn der Preis stimmt, kann es eine profitable Option sein, niedrige C-Bets mit einem Float Call zu erwidern.
  • Und es kann immer noch zum Erfolg führen, die Initiative mit einem Check-Raise zurückzugewinnen.
  • Im modernen Online-Pokerspiel bedeutet „ohne Initiative“, ein Verständnis dafür zu haben, wann du verteidigen und wann du angreifen solltest und wie du die Spieltendenzen des heutigen Teilnehmerfelds zu deinem Vorteil ausnutzen kannst.

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