Monday, 15th July 2024 09:19
Home / Dara O’Kearney: Meine Mystery Bounty-Strategie

Dara O’Kearney, der irische Pokerprofi und Experte für Satellitenturniere und Bounty-Turniere, hat die Entwicklung beobachtet und erläutert hier, wie sich die eigene Pokerstrategie bei diesem Format ändern sollte.

Das Mystery Bounty-Format wird wohl ein fester Bestandteil des Live-Pokers im Jahr 2023 und darüber hinaus sein. Ich habe mein erstes Turnier bei der EPT Prag 2022 gespielt und bin seitdem ein ebenso großer Fan wie alle anderen. Bounty-Turniere sind so komplex, dass sich nie eine simple Strategie dafür finden lassen wird, aber ich werde versuchen, die aus meiner Sicht wichtigsten unmittelbaren Überlegungen aufzuzeigen.

Dara O’Kearney

Wenn man bei einem Mystery Bounty-Turnier ausgeschieden ist, macht man sich auf den Weg, um herauszufinden, wie viel jede gewonnene Bounty wert ist. Dann wählt man seine Bounties aus einem Pool mit zufälligen Preisen aus. Das kann ein „Kopfgeld“ von €500 sein oder eine Bounty von €50.000, die man wie bei einer Tombola gewinnt. Sobald eine Bounty aus einem Preispool entfernt wird, ist sie verschwunden.

Wenn ich mich recht erinnere, sah die Aufteilung der Prämien bei dem Turnier, an dem ich teilnahm, in etwa so aus:

  • Eine Bounty im Wert von 50.000 Euro
  • Zwei Bountys im Wert von 20.000 Euro
  • Drei Bountys im Wert von 10.000 Euro
  • 10 Bountys im Wert von 5.000 Euro
  • 20 Bountys im Wert von 2.000 Euro
  • 30 Bountys im Wert von 1.000 Euro
  • 120 Bountys im Wert von 500 Euro

Die wichtigste Erkenntnis besteht darin, dass man davon ausgehen muss, dass jede gewonnene Kopfgeldprämie die durchschnittliche Höhe der Prämie zum Zeitpunkt des Gewinns darstellt. Wenn du also laut dem obigen Beispiel früh im Turnier eine Prämie gewinnst und zu diesem Zeitpunkt noch 186 Spieler im Turnier sind, ist die durchschnittliche Prämie €1.612 wert. Das bedeutet für dich: Nur weil die €50.000-Bounty noch im Spiel ist, heißt das nicht, dass du so spielen solltest, als würdest du sie gewinnen.

Wenn du den Finaltisch erreichst und es noch acht €500-Kopfgelder und ein €50.000-Kopfgeld gibt, liegt die durchschnittliche Prämienhöhe dagegen bei €6.000. Solange die großen Bountys noch im Spiel sind, wird die durchschnittliche Bounty-Größe steigen. Wenn alle großen Bountys gewonnen wurden, kannst du davon ausgehen, dass die durchschnittliche Bounty-Größe niedrig ist – und zu einem konservativeren Stil wechseln.

Das Spiel um die Bountys beginnt an Tag 2 (oder in Phase 2)

Das war die große Überraschung für mich, als ich zum ersten Mal an einem Mystery Bounty-Event teilnahm: Am ersten Tag – also in Phase 1 – gab es kein Kopfgeld zu gewinnen. Das Event, an dem ich teilnahm, hatte ein Buy-in von €2.700, und €500 davon gingen in den Bounty-Pool – aber man spielte nur an Tag 2 um diesen Preispool. Dadurch lag der durchschnittliche Bounty-Wert bei über €500, was einige interessante strategische Veränderungen mit sich brachte.

Die wichtigste dieser strategischen Veränderungen lautet: Unter solchen Bedingungen ist es von Vorteil, sich zu Beginn von Tag 2 einzukaufen. Wir verloren am ersten Tag rund 60 % des Teilnehmerfelds. Wenn man sich also an Tag 2 einkauft, teilt man sich 100 % der Bountys mit nur 40 % des Teilnehmerfelds. Die Tatsache, dass man mit einem unterdurchschnittlichen Stack spielen muss, gleicht das bis zu einem gewissen Grad aus, aber nicht vollständig. Außerdem beginnt man näher an den Preisgeldrängen – was einen zusätzlichen ICM-Vorteil mit sich bringt.

Rob Schiffbauer gewann die €50K-Bounty bei der EPT Prag 2022

Man setzt sich zwar mit weniger als dem durchschnittlichen Chipstack an den Tisch, aber es gibt eben im Normalfall auch noch viele andere Spieler, die spät ins Turnier einsteigen und von denen man sofort ein Kopfgeld gewinnen kann – und dazu die Spieler, die den Tag 1 mit einem unterdurchschnittlichen Chipstack beendet haben. An meinem Tisch saßen am zweiten Tag drei „Late Regger“, die sofort um die Kopfgelder der anderen Spieler spielen konnten, sowie ein weiterer Spieler, der am Vorabend weniger als seinen Starting Stack eingetütet hatte.

Wenn man also den ersten Tag spielt, kommt alles darauf an, diese erste Phase über dem Starting Stack zu beenden. Die „Nachzügler“, die sich erst an Tag 2 angemeldet hatten, begannen mit 30 Big Blinds – und man sollte unbedingt versuchen, zu diesem Zeitpunkt einen höheren Stack zu haben, um diese Spieler gleich zu covern.

Dies führte am Ende von Tag 2 zu einem ICM-Effekt, bei dem es ein großer Fehler war, einen großen Stack zu riskieren, wenn man dafür im Verlustfalle unter 30 Big Blinds endete. Zu Beginn von Tag 1 sollte man looser spielen, weil eben vieles davon abhängt, den Tag mit einem möglichst großen Stack zu beenden. Tag 1 ist im Grunde ein Satellite für ein Knock-out-Turnier an Tag 2.

Nachkaufen oder nicht?

Wenn du an Tag 1 einen Short Stack hast, könnte es sich lohnen, am Ende des Tages sein Glück zu versuchen. In meinem Turnier war nach meiner Schätzung ein Startstack von €2.700 zu Beginn von Tag 2 mehr als €3.000 wert. Wenn du gegen Ende von Tag 1 einer der Shortstacks bist, ist dein Stack vermutlich nur noch €1.000 wert. Daher könnte es sich lohnen, damit aufs Ganze zu gehen – und nachzukaufen, wenn du rausfliegst, damit du die Spätanmeldungen covern kannst. Denn selbst wenn du dein All-in verlierst, kannst du für €2.700 einen neuen Stack kaufen, der zu diesem Zeitpunkt schon einen Wert von etwa €3.000 hat.

Bounty-Formate sind auf dem Vormarsch, und ich finde es großartig, dass ein Format, das die Komplexität von PKOs hat, es an die Live-Turniertische schafft. Ich denke, dass das Mystery Bounty-Format in kurzer Zeit ein fester Bestandteil jedes Live-Pokerkalenders sein wird.

Dara O’Kearney ist ein professioneller Pokerspieler und der Autor von PKO Poker Strategy, einem Buch zum Thema Bounty-Turniere.

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