Thursday, 4th December 2025 23:49
Home / News / EPT 20: Geduld, Gelassenheit und Druck auf der Blase – vier wichtige Eigenschaften für EPT-Champions

In der Welt des High-Stakes-Turnierpokers, wo jede Entscheidung den Unterschied zwischen Sieg oder Niederlage ausmachen kann, zeichnen sich wahre Champions durch bestimmte Eigenschaften aus.

Ob es die Ausdauer ist, mit der sie ein Heads-up-Marathon überstehen, oder die Fähigkeit, ihr bestes Poker zu spielen, während sie eigentlich schon eine Stunde lang auf die Toilette müssen – die großen Gewinner der European Poker Tour (EPT) haben immer wieder gezeigt, dass bestimmte grundlegende Eigenschaften der Schlüssel zu ihrem Erfolg sind.

Dieser Artikel befasst sich mit vier entscheidenden Momenten, die die entscheidenden Eigenschaften der EPT-Champions hervorheben.

Unendlich viel Geduld

Tim Vance, EPT Kopenhagen 2008

Wir PokerStars-Blogger sind wahrscheinlich nicht die größten Lichter am Pokerhimmel. Und ganz sicher nicht die Lustigsten, Attraktivsten oder Charmantesten am Start. Aber wenn der Job es erfordert, bleibt niemand so lange am Tisch wie wir.

Gemeinsam haben wir unzählige Heads-up-Schlachten erlebt, die bis weit in die frühen Morgenstunden andauerten. Und einer der extremsten dieser Zweikämpfe fand bei der PokerStars Championship in Macau 2017 statt.

Der Finaltisch hatte sich so sehr in die Länge gezogen, dass mehrere Blog-Mitarbeiter sich vorzeitig verabschieden mussten, um noch ihren Flug von Hongkong nach London-Heathrow zu bekommen … gerade in dem Augenblick, als der Kanadier Elliot Smith das Heads-up gegen Terry Tang, einen furchtlosen chinesischen Profi, erreichte. „Macht euch keine Sorgen“, hieß es. „Wir sind sicher, dass jemand bald gewinnen wird.“

Aber als die Londoner Blogger in der Heimat landeten, war die Heads-up-Schlacht immer noch im Gange. Ernsthaft. Es dauerte zehneinhalb Stunden, fünf Tassen Kaffee und drei „Abendessen“, bis Smith Tang besiegt hatte. „Es war ein harter, harter Kampf“, sagte er uns, als es vorbei war.

Smith und Tang kämpften zehneinhalb Stunden um den Sieg

Aber auch bei der EPT gab es eine ganze Reihe solcher „Schlachten“.

Kampf in Kopenhagen

Fragt man langjährige EPT-Mitarbeiter nach dem härtesten Finaltisch, den sie je erlebt haben, werden die meisten zweifellos die EPT Kopenhagen, Saison 4 erwähnen – ein legendäres, die ganze Nacht währendes Duell, in der die Zeit irgendwie stehen blieb.

Niemand hätte vorhersagen können, dass das Heads-up zwischen Tim Vance, einem Amateurspieler aus den Vereinigten Staaten mit beeindruckend rauer Stimme, und Soren Jensen, dem Lokalmatador aus Aarhus, so lange dauern würde. Zuvor war der Finaltisch in einem rasanten Tempo abgelaufen, bei dem Vance, der eine Mütze auf dem Kopf und sein Herz auf der Zunge trug, einen Gegner nach dem anderen vom Tisch nahm. Doch im Heads-up sollte sich das alles ändern.

Das Duell begann um 1:40 Uhr nachts – und es dauerte weitere fünf Stunden, bis der Sieger feststand. Als Vances Sieg endlich feststand (er traf auf dem River den Nut Flush gegen Jensens geflopptes Zweierpaar), verließ er fluchtartig den Turnierbereich und verzögerte damit die Siegerehrung.

Die Turniermitarbeiter, die das Turnier endlich beenden wollten, überlegten, was sie tun sollten … bevor man sich darauf einigte, dass Vance zumindest eine Zigarettenpause verdient hatte. Zum Teufel, das hatten eigentlich alle Anwesenden.

Was lehrt uns das? Wer große PokerStars-Events gewinnen will, braucht unendlich viel Geduld.

Gelassenheit (und Druck auf der Blase)

Sebastian Malec, EPT Barcelona 2016

Sebastian Malec

Wenn man zu lange wartet, um auf die Toilette zu gehen, kann das schwerwiegende und lang anhaltende Folgen haben. Sebastian Malec zum Beispiel wartete zu lange – und wird nun für den Rest seines Lebens ein EPT-Champion sein.

Das Ganze geschah am Finaltisch der EPT Barcelona 2016. Malec, ein 21-jähriges polnisches Wunderkind, das sich für das €5.300 Main Event online für nur €27 qualifiziert hatte, spielte die Rolle, für die er scheinbar geboren worden war. Es waren nur noch zwei Plätze am Tisch besetzt, als Malec das Heads-up gegen den Israeli Uri Reichenstein erreichte – aber Malec konnte sich nicht dazu bringen, sich hinzusetzen.

Malec musste lange vor der nächsten geplanten Pause dringend pinkeln. Also tanzte zwischen den Händen herum, kniete sich auf seinen Stuhl, um unter seine Karten zu schauen und seine Einsätze zu machen, und stand dann wieder auf. Trotz seiner misslichen Lage spielte Malec die letzte Hand absolut perfekt – man könnte also argumentieren, dass ihm der Druck auf der Blase zum Turniersieg verholfen hat.

„Reichenstein saß absolut regungslos am Tisch, aber Malec war das komplette Gegenteil. Er hüpfte von seinem Stuhl auf und ab und spielte mindestens eine Stunde lang im Stehen“, schrieben wir damals. „Er redete mit sich selbst, manchmal sang er vor sich hin, saugte an einem Strohhalm, und bestellte weitere Getränke.

Mit Blasenkontrolle zum Sieg

Gelegentlich sah es so aus, als würde er komplett die Nerven verlieren. Aber andererseits war allen klar, dass er genau wusste, was er am Pokertisch tat. ‚Je länger wir spielen, desto mehr Spaß habe ich‘, sagte er. Er konnte gar nicht genug bekommen.“

In der letzten Hand hatte Malec A3 und traf auf einem Board von J6Q8 einen Flush – ein harter Schlag für Reichenstein, der 109 für eine Straight hielt. „Folde, damit ich auf die Toilette gehen kann“, flehte Malec.

Als seine Bitte abgelehnt wurde, erschien die 8 auf dem River und Malec setzte Reichenstein All-in. „Ich glaube, ich hab’s. Also wenn du mitgehst, ist alles vorbei, Baby, wie bei Scotty Nguyen“, sagte Malec. Dann entfernte er sich vom Tisch und ließ Reichenstein mit einem potenziellen Call zurück, der das Turnier beenden konnte. Reichenstein dachte laut nach und sagte, dass niemand so reden würde wie Malec, ohne sein Blatt getroffen zu haben.

Malec setzte sich derweil ins Publikum, nippte an seinem Drink und machte sogar ein Selfie mit einem Zuschauer. „Du hast so gut wie gewonnen, was?“, fragte der Zuschauer. „Ja, ich werde gewinnen. Ich bin der EPT-Champion hier.“

Als er erfuhr, dass Reichenstein die Chips in die Mitte geschoben hatte, sprintete Malec zurück. Er drehte die siegreiche Hand um, hüpfte auf der Stelle auf und ab und begann zu weinen. Es waren reine Freudentränen.

Dann schüttelte er Reichenstein die Hand und ließ sich von seinen Freunden an der Bande umarmen. Nur eines tat er nicht: endlich auf die Toilette zu gehen.

Vielleicht hatte er zu lange gewartet.

Absolute Ehrlichkeit

Daniel Negreanu, EPT London 2010

Stets die Wahrheit zu sagen, ist ein Eckpfeiler der Integrität. Auf diese Weise baut man Vertrauen auf, pflegt Beziehungen und stärkt seinen Charakter. Und wenn man sich an die Wahrheit hält, auch wenn sie unvorteilhaft oder unbequem ist, beweist man Mut und den Willen, das Richtige zu tun.

Nichts davon hat irgendetwas mit Poker zu tun. Solange man sich an die Regeln hält, kann man an den EPT-Tischen das Blaue vom Himmel herunter lügen. Aber Daniel Negreanu hat bei der EPT London 2010 bei einer legendären, entscheidenden Hand die Wahrheit gesagt.

Daniel Negreanu war von 2007 bis 2019 Mitglied im Team Pro

Der israelische Spieler Angel Shlomi eröffnete mit KK und dem Fünffachen des Big Blinds (es waren andere Zeit damals) und fand einen Caller, bevor Negreanu am Button mit 109 ebenfalls callte. Der Flop brachte 954, was Negreanu ein Top-Paar bescherte. Shlomi machte eine Continuation-Bet, bei der nur Negreanu mitging. Am Turn erschien die Q und Negreanu callte einen weiteren Einsatz, bevor die 8 das Board vervollständigte.

Shlomi setzte erneut, aber dieses Mal erhöhte Negreanu – der immer noch nur ein Paar Neunen hatte – auf das über Vierfache seines Einsatzes.

„Ich denke, du hast Asse oder Könige“, sagte Negreanu zu Shlomi, als dieser seine Optionen abwog. Versetzt euch in Shlomis Lage: Hätte Negreanu das wirklich gesagt, wenn er diese Hände nicht geschlagen hätte?

Das Psychospielchen funktionierte, und Negreanus Einsatz brachte Shlomi dazu, die Gewinnerhand wegzuwerfen.

„Asse oder Könige waren doch gut, oder?“, fragte ein Tischnachbar, als Negreanu den Pot einstrich. „Aber klar“, antwortete der und strahlte.

Das richtige Bauchgefühl

Jason Mercier, EPT San Remo 2008

Jason Mercier

Es heißt, man solle sich auf sein Bauchgefühl verlassen … aber das kann auf einer so großen Pokerbühne ziemlich nach hinten losgehen. Eine falsche Entscheidung kann einen Tausende von Dollars kosten und dich vor einer Armee von Chat-Profis, die in den letzten sieben Stunden nur in ihrem Sofa gehangen und Chips gegessen haben, dumm aussehen lassen.

Darüber machte sich der legendäre Londoner Pro Barny Boatman bei der EPT Paris Anfang des Jahres keine Gedanken: Er callte mit einem schwachen Top-Paar gegen drei aggressive Setzrunden von Eric Afriat und gewann den Pot.

Glücklicherweise musste sich Jason Mercier 2008 keine Sorgen um Twitch- oder YouTube-Kommentare machen, als er bei der EPT San Remo mit einem legendären Hero-Call sein Main Event – und seinen guten Ruf – riskierte.

Hero Call … oder Riesenfehler?

Mercier war damals ein Online-Qualifikant, der erst zum zweiten Mal an einem Live-Turnier teilnahm. Doch er spielte von Anfang an furchtlos, selbstbewusst und souverän. Der Amerikaner eröffnete die fragliche Hand Under-the-gun mit 95 – das allein sollte einem schon alles sagen, was man über ihn wissen muss.

Eric Koskas verteidigte seinen Big Blind und checkte „in the dark“ vor dem Flop, der 5J6 brachte. Mercier checkte ebenfalls mit seinem Bottom Pair, und die 8 erschien auf dem Turn. Koskas zögerte nicht lange und brachte ein Overbet, aber Mercier callte diese Erhöhung.

Die 8 am River brachte Koskas dazu, schnell All-in zu gehen; dann stand er auf, stemmte die Hände in die Hüften und wartete. Mercier nahm seine Sonnenbrille ab und wand sich wie gequält hin und her, während er die Aktion im Kopf durchspielte. Er würde immer noch eine Menge Chips haben, wenn er callte und falsch lag. Aber irgendwie schien er zu wissen, dass das nicht der Fall sein würde.

Wenn Mercier heutzutage in einer solchen Hand mitgehen und falsch läge, würden die Chat-Profis behaupten, dass er seine Chips verschleudert hätte. Und dass Koskas ein Genie sei und mit seinem unorthodoxem Stil das Maximum aus Mercier herausgeholt hätte.

Aber Mercier lag nicht falsch. Koskas hatte nur 103 und Merciers Bauchgefühl war goldrichtig gewesen.

Also, liebe Chat-Profis: Legt die Chipstüten weg und hebt eure Hintern aus dem Sofa.

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Written By
Heinrich Koop

Heinrich ist schon seit den 1980er-Jahren bekennender Pokerfan. Anfang der 2000er stieg er dann ins „Pokergeschäft” ein, zuerst als freiberuflicher Übersetzer von Pokerbüchern und für (längst vergessene) Poker-Websites wie Pokerroom, Ultimate Bet und Fulltilt Poker. Seit 2007 arbeitet er hauptsächlich als Übersetzer und Content Creator bei PokerStars und PokerNews DE.

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