Zwei Freunde von mir hatten den gleichen Pokercoach, den gleichen Ehrgeiz und die gleiche Bankroll. Wir haben uns alle gemeinsam im Poker hochgearbeitet.
Einer von ihnen spielt heute Turniere mit $10K Buy-in. Der andere steckt immer noch in den Microstakes fest.
Den Grund dafür bekomme ich jeden Tag bei unseren Chats zu sehen.
Der Gewinner schickt Hände: Was hältst du von dieser Einsatzhöhe am Turn? Soll ich am River bluffen, wenn am Turn alle checken? Wie spiele ich den Flop, nachdem ich gecheckt habe und der Gegner ein drittes Mal setzt?
Der Microstakes-Spieler schickt Handverläufe: Schau dir das an. Das Kartenspiel ist verflucht. Wie kann mein Gegner hier mitgehen? (Und das, nachdem er gerade seinen Stack weggeblufft hat.)
Der gleiche Pokercoach. Der gleiche Ehrgeiz. Das gleiche Startkapital. Unterschiedliche Fragen.
Poker liefert dir ständig das brutale Feedback, dass du falsch gelegen hast – und dein Ego hat dabei nur eine einzige Aufgabe: Es darf nicht auf das Feedback hören.
Selbstwertdienliche Verzerrung
Psychologen haben einen Namen dafür, wie das funktioniert: die selbstwertdienliche Verzerrung (auch bekannt als „self-serving bias“). Über Jahrzehnte hinweg haben Studien gezeigt, dass Menschen Erfolge zuverlässig ihren eigenen Fähigkeiten zuschreiben und Misserfolge auf die äußeren Umstände schieben (Krahé, 1984).
Jeder macht das – Golfer, Geschäftsführer, Studenten, die eine verpasste Abgabefrist erklären. Aber Poker ist das perfekte Umfeld dafür, denn beim Poker sind solche Ausreden manchmal wahr.
Denn manchmal sind Verluste tatsächlich nur der Varianz geschuldet. Das macht ein solches Alibi so unwiderstehlich: Es muss nie komplett erfunden, sondern nur überreichlich angewendet werden. Gewinne sind dem eigenen Können zuzuschreiben, Verluste der Varianz, und unter dem Strich liegt es nie an einem selbst.
Resulting
Die amerikanische Pokerspielerin Annie Duke hat dieses Verhalten als „Resulting“ bezeichnet. Resulting bedeutet, die Qualität einer Entscheidung anhand der Qualität ihres Ergebnisses zu beurteilen (Thinking in Bets, 2018).
Mit anderen Worten: Wenn du die Gewinnerhand foldest, hast du schlecht gespielt. Wenn du callst und deinen Two-Outer triffst, hast du gut gespielt.
Beim Resulting bestrafen wir uns also für korrekte Spielzüge, die verloren haben. Aber die Gegenseite dieses Denkmodells ist langfristig kostspieliger – wenn wir uns falsche Spielzüge, die gewonnen haben, als Verdienst anrechnen.
Der schlechte Call, der zum Gewinn geführt hat, ist dann nämlich kein einmaliger Fehler bei der Einsatzhöhe – er verschafft diesem Fehler einen festen Platz in deinem Spiel. Du wirst ihn wieder machen, voller Selbstvertrauen, weil es letztes Mal „funktioniert“ hat.
Keine Ausreden
Im Gegensatz zu vielen anderen Problemen beim Pokern ist dieses Problem erst in den letzten Jahren richtig ins Bewusstsein der Spieler:innen gerückt. Denn bis vor Kurzem konntest du die Qualität einer Entscheidung nicht wirklich vom Ergebnis trennen – selbst wenn du es gewollt hättest. Du konntest dich nur auf dein Gefühl für den Tisch, die Ergebnisse selbst und auf deine eigene Einschätzung verlassen.
Aber mit dem Einzug der Technologie hat sich die Art der qualitativen Auswertung grundlegend geändert – dank Poker-Datenbanksoftware, All-in-EV-Anpassungen und Solvern.
Heute kann man mit relativ hoher Genauigkeit feststellen, ob die Einsatzhöhe am Turn richtig war – unabhängig davon, ob der River günstig verlaufen ist. Inzwischen sitzt die erste Generation von Spieler:innen an den Tischen, die nicht nur das Endergebnis korrekt bewerten kann, sondern auch die Entscheidungen, die dorthin geführt haben.
Aber unser Ego weigert sich immer noch, den einen Schritt zu tun, den niemand automatisieren kann – nämlich zuzugeben, dass der gut begründete Spielzug, der verloren hat, der richtige war. Und dass der letzlich erfolgreiche Move einfach nur Glück war. Der Solver gibt dir die Antworten. Aber er kann dich nicht dazu bringen, die richtigen Fragen zu stellen.
„Der Solver gibt dir die Antworten. Aber er kann dich nicht dazu bringen, die richtigen Fragen zu stellen.“
Dein Ego als Tell
Und damit wären wir wieder bei den Chats mit meinen beiden Freunden.
Achte darauf, was sie tatsächlich tun. Bei den Messages des Gewinners dreht sich alles um Entscheidungen – Einsatzhöhen, Bluffhäufigkeiten, Schritt-für-Schritt-Strategie. Ergebnisse kommen in seinen Messages kaum vor. In der Hälfte aller Fälle berichtet er noch nicht einmal, ob er den Pot gewonnen hat, weil es für seine Frage irrelevant ist.
Bei den Messages des Verlierers dreht sich alles um Ergebnisse – Runouts, Cooler, die Ungerechtigkeit des Calls eines Gegners. Seine Hände kommen schon „vorbereitet“ an: Die Geschichte ist bereits geschrieben, und ich bin eingeladen, sie als richtig abzunicken.
Aber das ist der Tell – nicht Tilt, nicht Arbeitsmoral, nicht Talent. Die Art der Frage, die du stellst, verrät, ob dein Ego oder dein Spiel deine Analyse leitet.
Demut als Denkweise
Die Kosten für diese Denkweise sind höher, als sie auf den ersten Blick scheinen, denn dein Ego kostet dich doppelt.
Erstens enthalten die Verluste, die du der Varianz zuschreibst, deine tatsächlichen Schwachstellen, die nun unberücksichtigt bleiben – du kannst nicht beheben, was du unter „Pech“ abgehakt hast. Zweitens enthalten die Gewinne, die du deinem Können zuschreibst, deine verfestigten Fehler, die sich nun noch verstärken.
„Du kannst nichts beheben, was du unter „Pech“ abgehakt hast.“
Und das entwickelt sich weiter: Letztlich zahlst du in beiden Richtungen auch noch Zinsen. Währenddessen verbessert der Spieler, der nach der Höhe der Einsätze auf dem Turn-Einsätze fragt, nach jeder Session sein Spiel um kleine Korrekturen.
Über hunderttausend Hände hinweg gesehen, werden diese kleinen Unterschiede zu einer Riesenlücke. Zum Unterschied zwischen erfolgreichen $10K Buy-in-Turnieren und Microstakes.
Die Lösung heißt aber nicht, dass man seinen Charakter zur Demut zwingen sollte – ich habe schon viele arrogante erfolgreiche Pokerspieler getroffen. Demut sollte als Denkweise angewandt werden.
Fragen statt urteilen
Bewerte deine Entscheidungen, bevor du weißt, was sie kosten. Überprüfe deine größten Gewinnpots mit derselben Skepsis, mit der du deine Verlusthände überprüfst, denn genau dort verstecken sich die verschleierten Fehler.
Und mach jede Woche eine Selbstanalyse: Schau dir die letzten zehn Hände an, die du an deine Gruppe oder deinen Coach geschickt hast.
Wenn es hauptsächlich Fragen sind, übernimmt dein Spiel die Analyse. Wenn es hauptsächlich Urteile sind, bei denen du um Bestätigung bittest, ist der teuerste Platz an deinem Tisch bereits besetzt – und du bist derjenige, der darauf sitzt.
(c) Adaption eines Essays von Paul Gibbons
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