Vor einige Jahren war ich regelmäßiger Gast bei einem Home Game, in dem immer Donnerstags eine Gruppe von Arbeitskollegen zusammenkam, um gemeinsam €10 Sit & Gos zu spielen, Fastfood zu essen, das eine oder andere Getränk zu sich zu nehmen (…) und reichlich Blödsinn zu erzählen. Ich hatte Poker online gelernt, war also ganz froh, in einer solchen Runde erste Live-Erfahrungen zu machen. Außerdem waren wir alle gleich schlechte Spieler, so dass das Geld immer wieder um den Tisch wanderte.
Eines Abends kam auch der Chef dazu – und das änderte die Stimmung ein wenig (weniger Getränke …). Aber der Chef war ein ziemlich angenehmer Typ, der sich beim Pokern gut auskannte – zumindest wenn man ihn reden hörte. Alle Pokersprüche waren vorhanden, und er erzählte vom einen oder anderen großen EPT-Turnier, bei dem er dabei gewesen war.
Aber am Ende des Abends war er bei fünf Sit & Gos kein einziges Mal ins Geld gekommen. Dafür hatten zwei oder drei Mitspieler besonders gut abgeräumt. Als der Abend vorbei war, half ich noch beim Abräumen. Dabei erwähnte ich, dass der Chef nicht einmal auch nur einen Fünfer gewonnen hätte. Darauf grinste einer der noch übrigen Anwesenden und sagte: „Der Mann hat einen Riesen-Tell. Immer wenn er ein gutes Blatt kriegt, schaukelt er ganz leicht vor und zurück. Ist dir das nicht aufgefallen?“
Tells – und was man dagegen tun kann
Mit anderen Worten: Auch wer sich beim Pokern (online und live) theoretisch gut auskennt, ist nicht davor geschützt, diesen Vorteil durch unglaublich einfache körperliche Tells zu verspielen. Und wenn einen niemand auf diese unfreiwilligen Hinweise aufmerksam macht (und warum sollte ein Gegner das tun …?), kann man jahrelang so weitermachen, ohne zu merken, wie viele Informationen ein halbwegs erfahrener Gegner dabei sammelt. Von einem Profi ganz zu schweigen …
Das wollen wir heute mit diesem Artikel ändern. Und versuchen, uns sozusagen ein „Ganzkörper-Pokerface“ anzueignen.
Hoodie und Soonenbrille: Simon Wiciak, EPT Barcelona-Champion 2023
Schau dir deine Karten erst an, wenn du an der Reihe bist
Eine der einfachsten Methoden, keine Informationen mehr preiszugeben, besteht darin zu warten, bis die Aktion bei euch angekommen ist. Erst dann schaut ihr euch eure Karten an. So vermeidet ihr, unbewusst zu signalisieren, was ihr vorhabt, bevor die Spieler vor euch gehandelt haben.
Stellt euch vor, ihr seid in einer Session dabei, in der drei oder vier Spieler nach euch ihre Karten zu früh ansehen und sich darauf vorbereiten zu folden. Was bedeutet: All diese Spieler hinter euch haben nicht die Absicht, in den Pot einzusteigen.
Das ist eine unglaublich nützliche Information für einen erfahrenen Spieler. Wenn ich weiß, dass Spieler hinter mir aussteigen, kann ich mehr Hände eröffnen. Ich kann die Blinds aggressiver angreifen und Chancen nutzen, die ich sonst vielleicht ausgelassen hätte.
Dieses Verhalten lässt sich natürlich auch provozieren. Wenn man sich auf seinem Stuhl bewegt, als würde man selber aussteigen wollen, lässt sich gelegentlich beobachten, wie jemand hinter einem die eigenen Karten zum Ablegen bereitmacht – weil er davon ausgeht, dass die Aktion gleich bei ihm ist.
Gib aufmerksamen Gegnern diese Informationen nicht preis. Warte, bis du tatsächlich an der Reihe bist, schau dir dann deine Karten an und triff deine Entscheidung.
Nimm jedes Mal die gleiche Körperhaltung ein
Ein Freund von mir erzählte kürzlich, er würde seinem Pokerface nicht ganz trauen. Also hatte er sich eine einfache Lösung ausgedacht. Immer wenn er an einem Pot beteiligt war, nahm er im Grunde dieselbe Haltung ein. Seine Hände ruhten in der Nähe seines Gesichts, und seine Baseballkappe verdeckte einen Großteil seines Gesichts, sodass die Gegner ihn nicht richtig ansehen konnten.
Dieser Ansatz kann überraschend effektiv sein. Wer einfach die Menge an verfügbaren Informationen reduziert, muss kein Theaterschauspieler sein. Wenn du subtile Gesichtsreaktionen zeigst, wenn du bluffst, ein starkes Blatt hast oder eine problematische River-Karte siehst, kann eine konsistente Körperhaltung diese Mikroausdrücke viel schwerer erkennbar machen.
Das Wichtigste ist die Konsistenz. Wenn du immer nur dann deinen Mund bedeckst, wenn du bluffst, herzlichen Glückwunsch – das könnte ein teurer Pokerabend werden.
Finde eine bequeme Körperhaltung, die du gern einnimmst. Egal ob du die Nuts hast, absoluten Müll auf der Hand hast oder irgendwo dazwischen liegst.
Sonnenbirlle, Ton in Ton: Mohamed-Said Taghla
Nimm dir zum Setzen immer gleich viel Zeit
Timing-Tells gibt es beim Low Stakes-Poker, wohin man schaut (im wahrsten Sinne des Wortes). Am einfachsten eliminierst du diese Tells, indem eine immer gleich lange Pause einlegst, bevor du Chips in den Pot schiebst.
Du kannst im Kopf bis drei zählen. Du kannst bis fünf zählen oder eine andere kurze Routine entwickeln, die sich natürlich anfühlt.
Dabei kommt es nicht auf die Länge der Pause an. Nur eines ist wichtig: dass sich dein Timing nicht plötzlich ändert, je nachdem, wie schwierig oder aufregend dir deine Entscheidung vorkommt.
Viele Spieler agieren sofort, wenn sie einen offensichtlichen Value Bet machen wollen, werden aber plötzlich extrem bedächtig, wenn sie bluffen. Andere Spieler machen es umgekehrt, weil sie sich so sehr bemühen, ihre Value Bets möglichst „unauffällig“ wirken zu lassen.
Aber erfahrene Gegner bemerken dieses Verhaltensmuster irgendwann. Eine immer gleiche Routine macht es ihnen dagegen viel schwerer zu erkennen, ob deine Entscheidung automatisch fiel oder ob du gerade 15 Sekunden damit verbracht hast, dich selbst davon zu überzeugen, All-in zu gehen.
Leg deine Chips erst zurecht, wenn du an der Reihe bist
Auch das ist ein beliebter Tell, den man ständig beobachten kann. Spieler schauen sich ihre Karten an, bevor sie an der Reihe sind, und fangen sofort an, sich Chips zurechtzulegen. Alles nur, weil sie bereits wissen, dass sie mitgehen oder erhöhen werden.
Das ist eine unglaublich wertvolle Informationen, besonders in Multiway-Pots.
Wenn ich an der Reihe bin und überlege und dabei bemerkte, dass jemand hinter mir bereits Chips zum Mitgehen bereitgelegt hat, weiß ich, dass er daran interessiert ist, weiterzuspielen – egal was ich tue. Das kann beeinflussen, ob ich einen Semi-Bluff versuche, erhöhe oder einfach checke und aufgebe.
Der gleiche Tell tritt auch vor dem Flop auf. Wenn du anfängst, Chips für einen Raise abzuzählen, bevor zwei Spieler vor dir gehandelt haben, weiß praktisch jeder am Tisch (wenn er nicht gerade in einen Hamburger beißt …), dass du ein Blatt hast, mit dem du spielen willst.
Lass die Finger von deinen Chipstapeln, bis du an der Reihe bist. Entscheide zuerst, was du tun willst, und zähle dann die Chips ab.
Barney Boatman zählt Chips
Spiele Value Bets und Bluffs auf die gleiche Weise
Wenn du beobachtest, wie manche Leute ihre Einsätze physisch vorbereiten, wird dir ein weiteres häufiges Verhaltensmuster auffallen. Anders gesagt: Viele Spieler gehen beim Bluffen ganz anders mit ihren Chips um als bei einer starken Hand.
Beim Bluffen erstarren die Leute manchmal, starren auf den Pot und zählen sorgfältig eine exakte Anzahl an Chips ab. Sie bemühen sich so sehr, kontrolliert zu wirken, dass diese Präzision selbst verdächtig wird.
Dann haben sie eine starke Hand – und alles ändert sich. Plötzlich schnappen sie sich einen Stapel oder eine Handvoll Chips und werfen den Einsatz lässig in die Mitte, weil sie sich nicht annähernd so viele Gedanken darüber machen, was als Nächstes passiert.
Psychologisch gesehen macht das Sinn. Wenn du ein Monster hast, erwartest du, dass diese Chips zusammen mit den Chips deines Gegners zu dir zurückkommen. Daher fühlt es sich nicht besonders gefährlich an, sie in den Pot zu legen. Deshalb zählst du auch nur flüchtig.
Wenn du bluffst, fühlen sich diese Chips plötzlich viel wertvoller an. Du weißt, dass die reale Möglichkeit besteht, dass jemand „Call“ sagt und deine Chips weg sind.
Zeig diesen emotionalen Unterschied nicht durch deinen Umgang mit den Chips an. Versuche, deine Chips immer gleich zu zählen und deine Einsätze immer gleich zu platzieren – egal ob du bluffst oder eine Value Bet machst.
Statue: Dimitrios Kilintaris
Nimm dir auch zum Callen immer gleich viel Zeit
Nicht nur beim Setzen kann das Timing Informationen preisgeben. Auch die Geschwindigkeit bei einem Call ist einer der offensichtlichsten Tells, vor allem an Low Stakes-Tischen.
Spieler mit mittelmäßigen Paaren oder Draws mittlerer Stärke gehen bei einem Einsatz auf dem Flop häufig fast sofort mit. Sie wissen bereits, dass sie nicht erhöhen werden, und sie haben nicht die Absicht zu folden, also scheint es nichts zu überlegen zu geben.
Gib denselben Spielern jedoch eine komplette Katastrophenhand – und plötzlich brauchen sie ein paar Sekunden, um zu überlegen, ob sie bluffen sollen. Und bei einer Monsterhand zögern sie ebenfalls, weil sie entscheiden, ob sie mitgehen, sofort erhöhen oder ein Slow Play versuchen sollen.
Ein solches Verhaltensmuster ist ungeheuer nützlich. Der „Instacall“ steht für eine begrenzte Auswahl an Händen mittlerer Stärke, während eine längere Entscheidungszeit eher auf sehr schwache oder sehr starke Hände hindeutet.
Mit anderen Worten: Diese Spieler verraten ihre Handstärke praktisch allein dadurch, wie schnell mitgehen.
Nimm dir bei einem Call also möglichst genauso viel Zeit wie bei deinen anderen Entscheidungen. Natürlich musst du für einen offensichtlichen Call nicht lange grübeln, aber ein paar Sekunden Pause sorgen dafür, dass deine Gegner deine automatischen Entscheidungen nicht von deinen schwierigen unterscheiden können.
Reden am River? Vorsicht ist geboten
Der River ist der schlechteste Zeitpunkt, um festzustellen, dass du nicht gut im Schauspielern bist. Wenn du vor einer wichtigen Entscheidung stehst oder einen Gegner vor eine solche stellst, ist Schweigen meist die sicherste Option.
Ich habe kürzlich einen großen Pot gegen einen Kollegen gespielt, der anfing, mit mir zu reden, während ich über einen Hero Call am River nachdachte. Dabei fiel mir auf, dass er Schwierigkeiten hatte, so natürlich zu atmen und zu sprechen wie zuvor.
Diese Zusatzinformation brachte mich zu dem Schluss, dass er bluffte. Also callte ich, und er verlor einen beträchtlichen Pot.
Hätte er einfach seine übliche Haltung beibehalten (siehe oben) und nichts gesagt, hätte ich meine Entscheidung nur aufgrund seiner Karten und seines Setzmuster treffen müssen.
Manche Spieler können am Tisch ohne Pause reden und setzen diesen „Trash Talk“ bewusst als Teil ihres Spiels ein. Aber wenn du darin noch nicht viel Erfahrung hast, ist der River so ziemlich der letzte Ort, um mit dem Üben anzufangen.
Sprechen erfordert Atmung, Gesichtsbewegungen, Augenkontakt, Stimmkontrolle und die Fähigkeit, unter Druck natürlich zu reagieren. Jede dieser Komponenten ist im Grunde eine weitere Informationsebene, die dem Gegner unwillkürlich verraten kann, was du eigentlich planst.
Will Kassouf – Weltmeister im Trash Talk
Lass deine Gegner deinen Frust nicht sehen
Dein Pokerface geht über die einzelne Hand hinaus. Emotionale Reaktionen von vor einer Stunde können beeinflussen, wie jemand später gegen dich spielt.
Wenn du Frustration, Rachegelüste, Aufregung oder den Wunsch zeigst, einen bestimmten Spieler zu schlagen, gibst du deinen Gegnern Informationen darüber, welche Entscheidungen du später wahrscheinlich treffen wirst. Das beste Pokerface ist nicht einfach ein ausdrucksloser Gesichtsausdruck, während die Karten auf dem Tisch liegen – es ist emotionale Beständigkeit während der gesamten Session.
Mach dich schwer zu lesen
Die Punkte oben sind keine vollständige Liste aller körperlichen oder Timing-Tells, die du am Pokertisch beseitigen kannst (siehe mein Beispiel vom Anfang des Artikels …). Aber wenn du diese acht Bereiche in den Griff bekommst, bist du schon ein großes Stück weiter auf dem Weg zum „Ganzkörper-Pokerface“.
Niemand schafft es, vollkommen regungslos wie eine Statue dazusitzen oder jede Entscheidung in eine Oscar-reife Darbietung zu verwandeln. Stattdessen sollte dein Ziel darin bestehen, dich so gleichmäßig, so „langweilig“ wie möglich zu verhalten – wie du dasitzt, dich bewegst, mit deinen Chips umgehst, dir Zeit für Entscheidungen nimmst, Blätter aller Art spielst und so weiter.
Standardisiere dein Verhalten, mach dich schwer zu lesen und zwinge deine Gegner dazu, Entscheidungen auf der Grundlage deiner tatsächlichen Pokerstrategie zu treffen – statt aufgrund von Tells, die du versehentlich preisgibst.
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