Aberglauben und Poker

August 19, 2022inPokerStars News

Victoria Coren Mitchell – die erste Person, der es gelang, zwei Main Events der European Poker Tour für sich zu entscheiden – schrieb einmal: „Es ist seltsam, dass Pokerspieler so abergläubisch sind wie es der Fall ist. Unermüdlich erklären sie, dass Poker kein Glücksspiel wie Roulette oder Lotto wäre. Sondern ein Spiel, das Fähigkeiten wie Urteilsvermögen, Scharfblick und Klugheit erfordert. Und doch ist zu beobachten, wie die gleichen Spieler eine Hasenpfote vorsichtig als Glücksbringer neben ihren Chips platzieren.“

Moderne Poker-Crusher würden vermutlich behaupten, allem Aberglauben abgeschwört zu haben. Schaut man genauer hin, treten jedoch allerlei merkwürdige Verhaltensweisen zutage. In diesem Artikel soll es um die Frage gehen, wie sich Aberglauben an den Tischen äußert.


Card Protectors

Card Protectors haben einen klaren praktischen Nutzen. Sie liegen auf den eigenen Hole Cards, um zu verhindern, dass der Dealer die eigenen Handkarten versehentlich in den Muck befördert.

So weit, so gut. Mit einem Chip oder einer Münze sind die Karten optimal geschützt. Warum sind Spieler – Amateure wie Profis – aber oft mit kunstvollen Card Protectors an den Tischen zu sehen, wenn angeblich der Nutzen im Vordergrund steht?

In jedem Casino sind haufenweise Spieler anzutreffen, die mit ihren Card Protectors Persönliches verbinden. Manche greifen zu klassischen Glücksbringern wie dem Hufeisen oder einem Kleeblatt. Andere umhüllen sich mit der Flagge ihres Landes. Oder sie nehmen Nachbildungen ihrer liebsten Star-Wars-Charaktere mit auf den Poker-Trip.

Der costa-ricanische Profi Humberto Brenes – seines Zeichnes zweifacher WSOP-Bracelet-Champion mit Live-Gewinnen in Höhe von $6,1 Millionen – war bekannt für die Figur eines Hais, die er als Card Protector verwendete. Zugleich war der Hai eine Botschaft für alle anderen Spieler: Brenes ist allzeit bereit, die Chips seiner Gegner zu verschlingen.

Johnny Chan hatte einen ungewöhnlichen Glücksbringer: Oft setzte er sich mit einer Orange an seinen Platz. Chan benutzte die Zitrusfrucht während der 80er und 90er Jahre – zu einer Zeit, als Zigarettenrauch in Casinos allgegenwärtig war. Die Orange bot Chan ein erfrischendes Aroma, das ihn von der rauchigen Umgebung ablenken sollte.

Greg Raymer sammelt Fossilien und nutzt seltene und interessante Exemplare regelmäßig als Card Protector. Die Fossilien sind ein häufiges Gesprächsthema und haben Raymer seinen Spitznamen eingebracht: „Fossilman“.

Card Protectors stehen oft an der Schwelle zwischen Gebrauchsgegenstand und unvernünftigem Aberglauben. Bisweilen können sie aber auch zur Erheiterung beitragen.

Hände, die Glück und Pech bringen

Ein Leiden, von dem Hobby-Spieler betroffen sind, die die Grundzüge der Poker Strategie nicht verinnerlicht haben, ist die Frage nach der Lieblingshand. Vor allem in Homegames wird sie gern gestellt.

Und die Antwort liegt auf der Hand: Ein Paar Asse. Jedenfalls, wenn wir über Texas Hold’em Starthände sprechen. Welche andere Hand sollte auch infrage kommen?

Nur: Manchmal bekommt man andere Antworten zu hören. Manche Spieler haben Lieblingshände mit geringeren Gewinnchancen. Ja, wir alle wissen, dass 9♥ 7♥ eine wunderbare Hand ist, und ja, mit Deep Stacks lassen sich One Gap Suited Connectors durchaus gut spielen. Aber sie deswegen zur Lieblingshand erheben – wirklich?

Die Frage nach der besten Hand treibt gar wunderliche Blüten. Freunde haben mir etwa erzählt, dass sie lieber zwei Neunen als zwei Asse ausgeteilt bekommen. 20 Minuten lang versuchen sie diesen Unsinn zu verteidigen. Das Hauptargument: „Mit Assen verliere ich immer“.

Ein weit verbreiteter Aberglauben ist die Furcht davor, die erste Hand in einem Poker Turnier oder Cashgame zu gewinnen. Manche Spieler folden in der ersten Runde sogar die besten Hände, bloß um nicht unter der metaphorischen Leiter durchzugehen.

Kleidung, die Fortunas Wohlwollen gewinnen soll

Im Laufe der Jahre haben Spieler die eigenartigsten Kleidungsstücke zur Schau getragen. Zum Beispiel John Hesp, der mit seinem nun berüchtigten (und ziemlich albernen) Anzug den 4. Platz des WSOP Main Events 2017 erreichen konnte. Oder Sebastian Sorennson mit seinem Schal der Miami Dolphins: Nach dem Triumph beim PokerStars Championship Barcelona Main Event 2017 (er gewann das Turnier für €987.000) hatte er sich den Alias „Scarfguy“ wahrlich verdient.

Neben dem eigenen Stilempfinden bestimmen oftmals praktische Gründe die Kleidungswahl. Mit einer Sonnenbrille verbergen Sie etwa physische Tells und kontern die „Soul Reads“ Ihrer Gegner. Die Fronten sind bei diesem Thema so verhärtet, dass sich manche Casinos gezwungen sehen, die Sonnenbrille am Tisch zu verbieten. Kapuzenpullover sollen ebenfalls Tells verbergen, oder dem Spieler das Gefühl geben, sicher geborgen und weniger gut lesbar zu sein.

Bezogen auf Glück in Poker Spielen gibt es einige Kleidungsgegenstände, die auf Aberglauben hindeuten. Zum Beispiel Farben und Symbole, die eine persönliche Bedeutung haben oder Glück bringen sollen. Im Fernen Osten steht die Farbe Rot beispielsweise für Zufriedenheit und Glück.

Der Aberglauben kann einsetzen, wenn ein Spieler ein größeres Turnier mit einem bestimmten T-Shirt oder einem bestimmten Paar Socken gewinnt.

Manche Pokerspieler treiben die Kleidungsfrage auf die Spitze. Mehrere Tage in Folge tragen sie die gleichen (ungewaschenen) Klamotten, um die Glückssträhne im Casino ja nicht abreißen zu lassen. Im Interesse aller anderen Spieler: Sehen Sie von derlei Verhalten bitte ab!

John Hesp während der WSOP 2017

Die Chips auf eine bestimmte Art und Weise stapeln

Dies ist ein weiterer Aberglauben beim Pokern, der kaum zu trennen ist von einer inneren Unruhe des Akteurs oder gar einem Versuch, falsch zu spielen.

Manche Spieler ordnen ihre Chips gern auf eine bestimmte Art und Weise an. Die einen mögen es, wenn sich die Farben der Chips abwechseln, oder es bereitet ihnen ein Vergnügen, immer genau 10 Chips zu einem Stapel aufzutürmen.

Dieses Verhalten hat praktisch keine negativen Auswirkungen auf die Action, solange der Spielablauf nicht gestört wird. Je nach Bauweise kann es für andere (und Sie selbst) leichter sein, die Höhe des eigenen Stacks im Blick zu behalten – was beweist, dass manchem Aberglauben ein praktischer Nutzen zugrunde liegt.

Allerdings gelten in Casinos Regeln und Etiketten, wie die Chips anzuordnen sind. Wenn Sie sich gegen diese Regeln auflehnen, ziehen Sie schnell den Ärger des Hauses auf sich.

Zum Beispiel sollten Sie Chips mit einem hohen Wert nie hinter Bergen kleiner Chips verstecken. Sie sollten die Chips auch nicht wild vermengen, sodass andere Spieler und der Dealer immer die Möglichkeit haben, die Stacksize zu beurteilen.

Solange Ihr Poker Aberglauben nicht zu einer Unfairness für andere Beteiligten führt, können Sie Schlösser und Türme aus Chips bauen wie es Ihnen beliebt.

Spieler, die das Glück gepachtet haben

Man sollte annehmen, dass erfolgreiche Pokerspieler, die dem Pfad der Logik folgen und gezeigt haben, spieltheoretisch korrekt zu spielen, nicht abergläubisch sind. Tatsächlich fallen erfahrene Kartenspieler nicht selten auf mystisches Denken herein. So hält sich etwa der Mythos, dass manche Chips mehr Glück bringen als andere.

Die Natur des Irrglaubens: Nach einiger Zeit bemerkt man, dass ein Spieler am Tisch mehr Glück zu haben scheint als alle anderen. Vielleicht hat dieser Spieler gut gespielt, oder gerade besonders viel Glück, oder beides. In jedem Fall scheint der Seat Chips magisch anzuziehen.

Manche Gegner am Tisch beginnen zu glauben, dass man das Glück auf die eigene Seite ziehen kann, wenn man dem Spieler mit der „Glückssträhne“ ein paar Chips abnimmt. So soll sich das Glück aufs eigene Spiel übertragen. Um die glückbringenden Chips zu behalten, werden diese anschließend vom Rest des Stacks getrennt, um das Glück ja nicht wieder abzugeben.

Von allen Aberglauben auf dieser Liste richtet die Legende um Chips, die mit Glück aufgeladen wären, den meisten Schaden an. Wer an den Mythos glaubt, trifft schlecht begründete Entscheidungen, um an die ersehnten Chips heranzukommen – und trifft im Erfolgsfall weitere schwache Entscheidungen, um diese Chips vor anderen Spielern zu schützen. Alberner geht es kaum.

Dieser Aberglauben kann harmloser in Erscheinung treten. Manche Spieler sehen seltene Poker Chips etwa als eine Art Glücksbringer an.

Der Mischvorgang und warum der Poker Dealer schuld ist

Jeder, der ein paar Abende Live Poker gespielt hat, ist mit diesem Aberglauben vertraut. Manche Spieler, die an Glück glauben (nicht Varianz, sondern pures Glück), vermuten, dass der Mischvorgang Einfluss auf Glücks- und Pechsträhnen hätte.

Und wer mischt die Karten? Der Poker Dealer natürlich. Sie haben bestimmt schon Spieler erlebt, die dem Dealer entweder applaudieren oder sich bei selbigem beschweren. Manche machen sogar die Höhe des Trinkgeldes von der Frage abhängig, ob sie vom Croupier „gute Karten“ ausgeteilt bekommen haben.

Wie die Karten gemischt sind, ist zufällig. Und der Mischvorgang hat auch nicht direkt zur Folge, dass eine Hand einfacher oder schwieriger zu spielen wäre. Alle Spieler unterliegen den Gesetzen der Varianz und des Zufalls – ganz gleich, wer das Deck wie gemischt hat.

Beim Online Pokern machen Spieler ihr Unglück bisweilen am „manipulierten“ RNG fest, obwohl der Algorithmus nachweislich niemanden bevorzugt. In Wahrheit sind online gemischte Karten sogar noch „zufälliger“ angeordnet als Karten, die ein Mensch in der Hand hatte.

Wer beim Kartenmischen abergläubisch wird, verändert schnell die eigene Spielweise. Der Glaube, dass das Deck mal vorteilhaft, mal ungünstig gemischt ist, wirken sich verheerend auf das Setzverhalten aus.

Der Dealer trägt keine Schuld!

Warum sind Pokerspieler abergläubisch?

Psychologisch betrachtet resultiert Aberglauben aus dem Wunsch heraus, den Ausgang einer Hand oder Partie kontrollieren zu können.

Bei Poker Spielen treffen unvollständige Informationen auf unbekannte, zufällige Resultate. Dass da Aberglauben einsetzt, ist wenig überraschend. Auch wenn ein Spieler gelernt hat, logisch zu denken, ist die Unsicherheit ohne Aberglauben schwer zu ertragen.

Studien zeigen, dass ein harmloser Aberglauben wie Glücksbringer Ängste abbauen kann, was bessere, logisch durchdachte Entscheidungen zur Folge hat. Der Poker Aberglauben könnte also einen praktischen Nutzen haben und muss das eigene Spiel nicht verschlechtern.

Wenn man sich dem Aberglauben allerdings hingibt, ohne diesen regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen, können sich Ängste sogar verstärken. Man stelle sich einen Pokerspieler vor, der zu einem Live Turnier anreist und vor Ort bemerkt, dass er vergessen hat, seine Glücksunterhose einzupacken. Manche Denkmuster wie der Glauben an Starthände, die mehr Glück abwerfen als andere, verändern außerdem Entscheidungen und beeinträchtigen so die eigene Poker Strategie.


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