Es ist das erste Großereignis Jahres und in Zeiten der Pandemie bezeichnen sie schon einige als Blaupause für die Fußball-Europameisterschaft oder die Olympischen Spiele. Die Handball-WM hat allerdings schon im Vorfeld ihre Probleme. Nichtsdestotrotz will das ersatzgeschwächte DHB-Team um den Titel mitspielen. Unser Ausblick auf die Handball-WM:

Corona-Chaos: USA und Tschechien werden ersetzt

Unmittelbar vor dem Start schlug Corona erbarmungslos zu und sorgte für einige organisatorische Ungereimtheiten. So wurden die USA und Tschechien nach zu vielen positiven Tests aus dem Teilnehmerfeld gestrichen. Ersetzt werden die Teams von Nordmazedonien und der Schweiz. Am Mittwoch wurden noch weitere Probleme bekannt. So sind insgesamt zwei Spieler und fünf Team-Verantwortliche Brasiliens im Trainingslager positiv auf das Virus Sars-CoV-2 getestet worden. Auch beim deutschen Gegner Kap Verde häufen sich die Schwierigkeiten. Sieben Spieler sollen einem Bericht zufolge infiziert sein, zudem waren angeblich schon am 5. Januar 15 Schnelltests positiv. Aktuell soll das Team mit dem Training pausieren und auf weitere Ergebnisse warten. Der Ausgang der Possen ist offen, weitere Überraschungen und Änderungen aber wohl keinesfalls ausgeschlossen.

Im Zuge des Corona-Chaos geraten die Facts über das Turnier fast schon in den Hintergrund. Zum ersten Mal überhaupt gehen bei einer Handball-Weltmeisterschaft 32 Teams an der Start (alle Wetten zur Handball-WM). Wie gewohnt wird zuerst eine Vorrunde mit einer Vierergruppe ausgetragen. In der Hauptrunde, für die sich die drei Erstplatzierten qualifizieren, bleiben vier Sechsergruppen übrig. Rang eins bis zwei ziehen daraufhin ins Viertelfinale ein, die im K.o.-System ausgetragen wird. Das Finale steigt am 31. Januar. Entgegen erster Ankündigungen haben die Organisatoren eingelenkt. Nach Protesten vieler Spieler werden die Partien ohne Zuschauer ausgetragen.

Deutschland ohne Acht nach Gizeh

Die Situation rund um Corona machte auch vor dem deutschen Mannschaft nicht Halt. Gleich acht Spieler sagten ihre Teilnahme im Vorfeld des Turniers ab. Darunter die verdienten Europameister von 2017, Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler, Finn Lemke und Steffen Weinhold. Das Fernbleiben der Akteure sorgte nicht bei allen Kollegen für Verständnis. So sagte der meinungsstarke Torhüter Andreas Wolff offen: „Es hat die Spieler auch nicht gestört, in der Champions League in Länder zu reisen, die als Corona-Risikogebiete eingestuft worden sind. Was mich noch viel mehr daran stört, ist, dass deren Vereinskollegen anscheinend nicht so ein großes Problem damit haben, zur WM zu fahren.“ Trainer Alfred Gislason wollte das Fass während der Vorbereitung auf die WM nicht noch weiter öffnen. Er beendete die Diskussion, um sich auf das Sportliche zu konzentrieren: „“Es ist am Ende müßig, denn die Entscheidungen sind getroffen.“

Denn in dem Bereich hat er genug zu tun. Er muss improvisieren. Im Tor sind mit Wolff, Johannes Bitter und Silvio Heinevetter die üblichen Verdächtigen vertreten. Auch auf den Außenpositionen hat sich nicht viel beim Personal getan (siehe Grafik). Am Kreis ist mit Sebastian Firnhaber (ein Länderspiel) jedoch schon ein echtes Greenhorn im Aufgebot. Auch im Rückraum gehen einige in ihr erstes großes Turnier. Juri Knorr, der nachnominierte Lukas Stutzke, David Schmidt und Antonio Metzner kommen zusammen auf gerade einmal 14 Länderspiele, allein in zehn hat Schmidt auf der Platte gestanden. Wegen der Unerfahrenheit des Teams bleibt die Mannschaft eine kleine Wundertüte. Vor allem in den engen Partien wird es auf die Erfahrenen um Uwe Gensheimer (187 LS) oder Paul Drux (93 LS) ankommen.

Zwei Neulinge in der Vorrunde

Trotz des neu zusammengestellten Kaders sollte die Vorrunde aber nicht mehr als ein lockerer Aufgalopp werden. Das DHB-Team trifft auf gleich zwei Neulinge zum Start. Der erste Gegner, Uruguay, qualifizierte sich als Bronze-Gewinner der Süd- und Mittelamerika-Meisterschaft des letzten Jahres für das Turnier in Ägypten. Der dritte Platz ist zudem der größte Erfolg des kleinen Landes. Auf eine deutsche Mannschaft traf die Handball-Auswahl noch nie.

Gleiche Voraussetzungen bei den Kap Verden. Sie waren auch noch nie bei einer Weltmeisterschaft und sind wohl der größte Underdog des Turniers. Die Truppe wurde bei ihrer ersten Teilnahme bei der Afrika-Meisterschaft im vergangenen Jahres gleich Fünfter und sicherte sich so seinen Platz bei der WMt in Ägypten. Auch sie trafen noch nie auf Deutschland, konnten aber immerhin drei ihrer letzten fünf Partien gewinnen.

Eine bekanntere Nummer ist der letzte Gegner Ungarn. Das letzte Mal traf das DHB-Team auf die Magyaren bei der WM 2017. Am Ende stand ein 27:23-Sieg zu Buche. Überhaupt ist die Bilanz gegen den Vize-Weltmeister von 1986 positiv. 33 DHB-Siegen stehen nur 16 Niederlagen gegenüber. Die Ungarn sind Dauergast bei Weltmeisterschaften (20 Teilnahmen), großartig was gerissen haben sie aber noch nie. Der bereits erwähnte Vize-Titel von vor 35 Jahren ist der größte Erfolg.

Favoriten sind andere

In Sachen Titel-Gewinn nimmt die deutsche Mannschaft nur eine Außenseiterrolle ein. Aufgrund der Absagen wird dem Team von Gislason nicht allzu viel zugetraut. Im Fokus stehen vor allem die Top-Nationen aus Skandinavien. Titelverteidiger Dänemark gilt auch in diesem Jahr als erster Anwärter auf den Titel, obwohl die Mannschaft um Superstar Mikkel Hansen bei der EM im vergangenen Jahr sensationell schon in der Vorrunde rausflog.

Bei den Norwegern ruhen die Hoffnungen auf Sander Sagosen. Die Teilnahme des wahrscheinlich besten Handballers der Welt war aufgrund von Corona fraglich, das ganze Land atmete nach einem positiven Statement aber auf. Bei den Franzosen hingegen ist mit Nikola Karabatic ein absoluter Top-Star nicht dabei. Der 36-Jährige laboriert an den Folgen eines Kreuzbandrisses. Allein er gewann mit „Les Expertes“ bisher neun Goldmedaillen, eine Silbermedaille sowie fünf Bronzemedaillen.

Wie in jedem Jahr gehören auch wieder Spanien und die Kroaten zu den Mitfavoriten. Die Kroaten wurden bei der vergangenen Weltmeisterschaft nur Rang sechs. Dafür verlief die Euro im vergangenen Jahr nach Wunsch. Die Mannschaft um Superstar Domagoj Duvnjak verlor erst im Finale gegen Spanien. Folgerichtig steht der Europameister noch höher im Kurs der Bookies. Der zweimalige Weltmeister verpatzte die letzte WM allerdings (Rang 7) und verlor in den vergangenen Monaten gegen Ungarn und Kroatien. Hinter den fünf Top-Nationen rangiert bei den Buchmachern das DHB-Team. Aufgrund der Absagen ist das Abschneiden der Deutschen schwer einzuschätzen, Außenseiterchancen bestehen aber allemal. Nicht umsonst sagt Tobias Reichmann voller Selbstvertrauen: „Es ist der gleiche Kreis – das sind Spanien, Frankreich, Kroatien und Dänemark. Ich würde uns aber auch dazuzählen.“

Wer wird Handball-Weltmeister

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