Hand-Reading wie ein Profi – so geht’s

September 17, 2021

Folgende Situation: Dein Gegner setzt. Du blickst auf deine Karten. Du hast ein mittleres Paar ohne Position, und keine Ahnung, wo du in der Hand überhaupt stehst. Trotzdem machst du den Call. Darauf folgt die River-Bet des Gegners, und diesmal muss ein großer Teil deines Stacks herhalten. Eine Entscheidung, die enormen Einfluss auf den Erfolg deiner Session hat …

Ohne Hand-Reading bist du verloren. Dir bleibt nichts anderes übrig als zu raten, ob du wohl die bessere Hand vor dir liegen hast. Selbst als Aggressor würdest du ein Ratespiel treiben, wie viel du am besten setzen sollten.

Hand-Reading beschreibt den Denkvorgang, bei dem man logisch die Hände bestimmt, die andere Spieler realistisch halten können. Womöglich ist es die wichtigste Poker-Fähigkeit, die man lernen sollte.

Was ist Hand-Reading?

Wenn du die Action am Tisch verfolgst, hast du dich bestimmt schon dabei ertappt, wie du die möglichen Karten durchgehst, die andere Spieler haben könnten. Während die Hand weitergeht, streichst du alle Hand-Kombinationen, die nicht mehr zur Action passen.

Beim Hand-Reading kommen alle verfügbaren Informationen zum Einsatz – vom Sizing bis zu den Tendenzen eines Spielers. Wiederholt schätzt du die Ranges neu ein, bis am Ende nur noch ein paar Kombinationen übrig sind.

Das Vorhaben, Poker-Hände auf exakt zwei Karten einzugrenzen, ist jedoch absurd. Selbst den Top-Spielern gelingt dies nur selten. Beim Poker-Hand-Reading geht es lediglich darum, die Anzahl der möglichen Kombinationen – Hand-Ranges genannt – auf ein Minimum zu reduzieren.

Indem du Gegenspieler auf eine solche Range setzt, kannst du besser informierte und profitable Entscheidungen treffen.

Das Hand-Reading beginnt

Es gibt 1.326 Hand-Kombinationen, die man vor dem Flop ausgeteilt bekommen kann. Bevor die Action beginnt, sind all diese Kombinationen realistisch möglich. Mit anderen Worten: Die Range umfasst zu Anfang einer Runde 100 % aller Zwei-Karten-Kombinationen.

Man kann die gegnerische Hand nie genau bestimmen, aber man kann eine Hand-Range festlegen

Unter der Annahme, dass Spieler nicht mit jeder Hand callen oder erhöhen, kann man die Range bereits vor dem Flop – mit Hilfe der Action – enger ziehen.

Zum Beispiel erhöhen Spieler am Button vor dem Flop mit etwa 40 % der Hände. Under the Gun sind es nur ungefähr 9 % der Hände, die ein Raise mit sich bringen. Tighte Spieler 3-betten bloß Premium-Hände, also etwa 10 %.

Ranges sind nicht fix. Wenn man über mehr Informationen verfügt, sollte man sie anpassen. Zum Beispiel, wenn man Kenntnisse über die individuellen Tendenzen eines Gegners hat (mehr hierzu weiter unten).

Bereits vor dem Flop lässt sich die Range eines Spielers – von anfänglich 100 % aller Hände – auf vielleicht 10 % bis 20 % herunterbrechen.

Hand-Ranges nach dem Flop eingrenzen

Nachdem wir die Range bereits deutlich eingegrenzt haben, folgt als nächstes der Flop. Ziel ist es, durchgehend Hände aus Ranges zu streichen, sobald diese nicht mehr im Einklang mit der Action stehen.

Am besten lässt sich das an einem Beispiel zeigen. Ein tight-aggressiver Gegner erhöht vor dem Flop. Seine Position: Cutoff. Du setzt ihn auf eine Range, die 26 % aller Hände enthält und zum Beispiel wie folgt aussehen kann: 22-AA, A8o+, A2s+, JTo+, J8s+. Der Flop: AK8. Sie checken – der Gegner platziert eine C-Bet.

Du gehst davon aus, dass dieser Spieler Top-Pair häufig anspielen würde, ebenso ein Paar Könige, das Set Achten, sowie einige Flushdraw-Kombinationen. Vermutlich würde dein Kontrahent am Flop auch mit Händen, die komplett verpasst haben, eine Bet platzieren.

Im Laufe der Hand erlangen Sie weitere Informationen über das Betting-Verhalten und das Sizing. Am River ist es normalerweise möglich, fast alle Hand-Kombinationen aus der Range zu streichen. Übrig bleiben nur einige wenige Kombinationen, was die Entscheidungsfindung enorm erleichtert.

Wie du Poker-Hände wie ein Profi liest

Beim Hand-Reading stellt man keine Behauptungen auf. Je besser deine Logik, desto informierter kannst du Entscheidungen treffen. Top-Profis bedienen sich diverser Poker-Tipps und greifen auf etliche Informationen zurück, um die Hand-Range der Gegner bestmöglich zu bestimmen.

Faktoren, die man beachten sollte:

Position – Von welcher Position hat ein Spieler erhöht? Spieler agieren in früher Position meist tigher; je näher der Button rückt, desto weiter kann man die Range fassen. Nach dem Flop versuchen Spieler in Position häufig, die Action zu kontrollieren.

Stack-Size – Wie viele Chips haben die Spieler vor sich stehen? Ein aggressiver Kontrahent mit großem Stack raist vermutlich öfter als ein Spieler, der kaum noch Chips für ein Raise erübrigen kann.

Bet-Sizing – Gibt es Bet-Sizing-Tells, die dir etwas über die Karten deines Kontrahenten verraten? Setzt der Gegner groß, um zum Beispiel ein verwundbares Paar zu schützen. Setzt ein Spieler klein, weil er unsicher ist? Gibt dir die Bet ausreichend gute Odds, um gegen die Range weiterzuspielen?

Betting-Verhalten – Was sagt die bisherige Action über die mögliche Range aus? Warum hat ein Spieler Check statt Bet gespielt? Warum Call statt Raise? Welche Hände würden realistisch so vorgehen?

Turniersituation – Wie weit ist man von der Bubble entfernt? Stehen Preisgeld-Sprünge bevor – und wenn ja, was bedeutet dies für die Hand-Ranges? Hoffen Short Stacks darauf, den nächsten Preisgeld-Sprung noch mitzunehmen?

Vorherige Action – Welchen Eindruck hast du vom Tisch – wird eher tight oder loose gespielt? Was ist in den letzten Runden passiert, und wie könnte sich die vergangene Action auf die derzeitige Spielsituation auswirken? Wer hat den letzten Riesen-Pot gewonnen oder verloren? Könnte jemand von Tilt befallen sein?

Diese Spieler sind für ihre loose-aggressiven Spielstile (LAG) bekannt

Spieler-Tendenzen – Hast du Notizen oder Statistiken zu Spielern am Tisch, die Einfluss auf die Hand-Range haben? Ist ein Gegner tight oder loose? Wie verhält sich ein Spieler nach dem Flop? Je mehr Informationen du über deine Kontrahenten hast, desto genauer kannst du die Ranges ziehen.

Vor allem die Spieler-Tendenzen sollte man ins Auge fassen. Schließlich spielen wir nicht gegen Roboter. Sondern gegen Menschen, die individuelle Stärken und Schwächen haben. Der eine lässt sich von Gefühlen lenken, ein anderer hat einen ungewöhnlichen Spielstil. Wenn du in der Lage bist, Spieler-Tendenzen zu erkennen und dir Notizen machst, kannst du die Ranges sinnvoll anpassen.

Erfahre mehr über Poker-Hand-Reading

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