Wednesday, 17th April 2024 09:49
Home / Dank Röntgenblick: Barny Boatman führt beim EPT Paris Main Event

In gewisser Weise war es fehlende Technologie, die Barny Boatman zur Chip-Führung beim Main Event der European Poker Tour (EPT) in Paris verhalf.

Gestern, am Morgen des vierten Tages dieses riesigen €5.300 Buy-in-Turniers, war Boatman früh im Turniersaal und gern bereit, über seinen bisherigen Lauf zu plaudern. Er hatte bereits Nachrichten von seinen vielen Freunden aus der ganzen Pokerwelt erhalten, die ihm zu seinem Fortschritt gratulierten.

„Es ist aber noch ein langer Weg“, sagte Boatman und meinte, dass er das Gefühl hätte, dass noch mindestens ein Drittel des Turniers zu spielen sei. Zu diesem Zeitpunkt begann gerade Level 22, 57 Spieler:innen waren noch im Rennen, und Boatman lag auf Platz 38.

Boatman war einfach froh, immer noch dabei zu sein, und erzählte von einer Hand, die er am Vortag gespielt hatte. Er war Card-Dead, bekam Ass-Zehn suited und erhöhte, wobei er nur einen Caller hatte. Bei einem Neun-Neun-Sieben-Flop brachte Boatman eine Conti-Bet – und sah sich plötzlich einem Raise gegenüber.

„Er wollte wissen, wo er steht, also zeigte ich ihm, wo er steht“, sagte Boatman. „Ich habe ein Three-Bet gebracht. Und er hat gepasst.“

Als Boatman sich später die TV-Bilder ansah, stellte er erfreut fest, dass es ihm gelungen war, seinen Gegner, den aufstrebenden britischen Star Lewis Spencer, dazu zu bringen, mit einem Paar Buben zu passen. Aber er sagte, dass er sein Spiel schon immer auf ein altes Sprichwort gestützt habe: „Du spielst nicht deine Hand, du spielst die deines Gegners.“ Boatman hatte erfolgreich ein noch größeres Pocket Pair repräsentiert – und Spencer hatte die Botschaft verstanden.

Pokerskills schon aus Zeiten vor den Hole Card-Kameras

Boatman erzählte von den vielen Stunden, die er in den Kommentatorenkabinen von Pokerstreams und Pokershows verbrachte – damals, als Poker noch im Fernsehen übertragen wurde. Zu diesen Zeiten war es weitaus häufiger der Fall, dass die Ansager die Hole Cards der Spieler nicht sehen konnten.

Die damaligen Experten – von denen Boatman einer der beliebtesten war – mussten anhand von Wettmustern, Live-Reads und ihrer eigenen Erfahrung zusammenfassen, welche Karten die Spieler hatten.

„Dabei habe ich oft richtig gelegen“, erzählt Boatman. „Sie [die anderen Kommentatoren] waren immer erstaunt.“

Natürlich hätten auch die damaligen TV-Übertragungen gerne die Hole Cards gezeigt. Es war nur so, dass die dazu nötige Technologie einfach noch nicht existierte: Niemand hätte damals die Sicherheit gewährleisten und Dritten einen Blick auf die Karten verwehren können. Also brauchten die Übertragungen jemanden wie Boatman in der Kabine, der über den Röntgenblick eines äußerst erfahrenen Pokerprofis verfügte.

Barny Boatman stapelt Chips

Eine Pokerlegende

Falls ihr immer noch nicht wisst, mit wem ihr es zu tun habt: Barny Boatman ist seit Jahrzehnten einer der bekanntesten britischen Pokerspieler. Er gehört zusammen mit seinem Bruder Ross und seinen Profikollegen Joe Beevers und Ram Vaswani zu den Gründungsmitgliedern des Hendon Mob.

Obwohl der Name „The Hendon Mob“ in der Branche nach wie vor sehr bekannt ist und als Datenbank für Turnierpoker-Ergebnisse dient, bezog er sich früher speziell auf dieses Quartett von reisenden Profis. Die vier gehörten zu den ersten Pokerspielern überhaupt, die Sponsorenverträge abschließen konnten. Sie waren Vorreiter bei den ersten Pokerübertragungen. Und sie konnten spielen.

Barny hat zwei WSOP-Armbänder, aus den Jahren 2013 und 2015 – und damit ein Bracelet mehr, als die Briten Ben Heath, Niall Farrell oder sogar Stephen Chidwick geschafft haben. Tatsächlich ist Benny Glaser bis heute der einzige britische Spieler mit mehr WSOP-Armbändern.

Boatmans unglaubliche Erfahrung im Lesen von Gegnern trat am Ende von Tag 4 in Paris wieder zum Vorschein und brachte ihn bei noch 18 verbleibenden Spielern an die Spitze der Chipliste. Die Hand, bei der sein Röntgenblick erneut für Begeisterung sorgte, war ein weiterer absoluter Knaller, der alle Zuschauer im Livestream verblüffte – und auch die Kommentatoren, die genau sehen konnten, was jeder Spieler hatte.

Es waren nur noch etwa 10 Minuten bis zum Ende eines langen Turniertags, als der Big Stack Eric Afriat – bei Big Blinds von 60.000) mit KQ aus dem Cut-off ein Standard-Raise auf 130.000 machte. Hans Erlandsson am Button callte mit Pocket-Fünfen und Boatman im Big Blind callte mit J9.

Eric Afriat versuchte, den Falschen zu bluffen

Ein Hero-Call für die Ewigkeit

Der Dealer drehte 83J als Flop um. Boatman, mit Top-Paar, checkte. Afriat setzte 250.000 und Erlandsson foldete. Boatman callte.

Der Turn brachte die 2 und Boatman check-callte erneut, dieses Mal bei einem Einsatz von 750.000. Afriat hoffte auf ein Karo, eine Dame oder einen König, aber die 2 am River nutzte keinem der beiden Gegner.

Boatman checkte erneut – und Afriat ging All-in, schob über 4 Millionen Chips in die Mitte und brachte damit Boatmans gesamten Stack von 2,5 Millionen in Gefahr. Boatman, der bis zu diesem Zeitpunkt noch keine einzige Timebank-Karte eingesetzt hatte, brauchte nur etwas mehr als 30 Sekunden, bevor er einen spektakulären Hero-Call machte.

„Das ist der bisher größte Pot des Turniers!“, sagte ein atemloser James Hartigan in der Kommentatorenkabine. „Wir haben einen neuen Chipleader, die britische Pokerlegende Barny Boatman!“

Hartigan fügte hinzu: „Was für ein Call, was für ein Blatt, was für ein Resultat!“

Afriat nahm die Niederlage gelassen hin, während Boatman meinte, dass er bei einem Karo auf dem River wahrscheinlich gepasst hätte, nicht aber bei einer Dame. Doch sein in all den Jahren am Tisch und in der Kommentatorenkabine hoch entwickelter Spürsinn zahlte sich enorm aus.

Vor dem fünften Tag strebt Boatman nun den zweiten EPT Main Event-Finaltisch seiner Karriere an – und damit möglicherweise seinen größten Turniergewinn aller Zeiten. Im Gespräch gestern Morgen erzählte er auch, dass er es eigentlich nicht mag, am TV-Tisch zu sitzen. Denn wenn er an einem der anderen Tische sitzt, neigen die Leute dazu, ihn anzuschauen und zu denken, er sei „nur irgendein alter Mann“.

Nach seinem unglaublichen Auftritt gestern – und den Videoclips, die inzwischen viral gegangen sein dürften – wird ihm das wohl niemand mehr abnehmen.

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Offizielle EPT-Website
EPT Paris – Berichterstattung

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